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Freudvoll in Barcelona: Aida Loos wird zur Spanierin

Kabarettistin Aida Loos sucht ihren Ernst des Lebens und lacht sich dabei kaputt. Dieses Mal: Wie man Spanierin wird.
Aida Loos
Illustration freudvoll

Sonntag, WM-Finale, 14:50 Uhr, Flughafen Wien. Der Flug kostet 39 Euro, das Wasser an Bord vier. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit über Europa. Barcelona empfängt mich mit 34 Grad und einer Luftfeuchtigkeit wie im Maul eines Hundes. Die Stadt ist so heiß, dass sich sogar der Schatten woanders hinstellt. Die Sagrada Família steht seit über hundert Jahren im Rohbau und wird trotzdem angebetet. Das gibt mir Hoffnung. Vielleicht ist mein halb geschriebener Roman auch einfach nur sakrale Architektur.

Auf der Rambla werde ich dreimal fast bestohlen

Beim vierten Mal halte ich dem Taschendieb mein Handy freiwillig hin, weil ich meine Bildschirmzeit nicht mehr ertrage. Er lehnt ab. Android.

Am Abend sitze ich in einer Tapasbar unter dreißig Schinkenbeinen, die von der Decke hängen wie in einem Horrorfilm für Vegetarier. Jedes Bein trägt eine Plakette mit Herkunft, Jahrgang und Gütesiegel. Ich kenne Menschen, die weniger nachweisen können, mich zum Beispiel. Die Preise stehen mit Kreide auf einer Tafel, und Kreide ist das ehrlichste Material des Kapitalismus, denn sie kennt kein Gestern. Ich bestelle Patatas bravas (Pommes mit Selbstbewusstsein), Aioli (Knoblauch, der Karriere gemacht hat) und Croquetas. Die Kroketten sind außen Panier und innen Béchamel, also außen Wien und innen Frankreich, und trotzdem Spanien. Dazu trinke ich Vermut, er schmeckt wie Hustensaft nach einem Auslandssemester. Der Kellner nennt mich Königin. Die Rechnung nimmt es wörtlich. Ich verlasse das Lokal enteignet und umarmt, in dieser Reihenfolge.

Es ist 21:00 Uhr. Barcelona hat heute ein einziges Wohnzimmer, und es steht auf der Straße. Ein Herr weint bereits vor dem Anpfiff, ergiebig, aus Vorfreude oder Vorverzweiflung, beim Fußball ist das dieselbe Drüse. Auf den Leinwänden läuft das Finale, aus den Boxen der Kommentator. Irgendwo lehnt eine Nonne im Fenster und verschwindet bei jeder brenzligen Szene kurz nach hinten, vermutlich, um Beziehungen spielen zu lassen. Ganz lange passiert nichts, denn Spanien gewinnt Weltmeisterschaften gerne in der Verlängerung. Ein Land, das erst um zehn am Abend isst, sieht keinen Grund, in neunzig Minuten pünktlich zu sein. In der 106. Minute fällt dann das Tor, und es klingt, als würden alle gleichzeitig aus dem Fenster springen, nach oben.

Irgendwo trommelt jemand,

dann trommeln alle, dann trommelt es nur noch. Der Rhythmus hat seine Urheber verschluckt. Der Verkehr gibt auf und schließt sich an, Autos werden Tribünen, Ampeln Dekoration. Ich werde umarmt von Menschen, deren Namen ich nie erfahren und deren Deodorants ich nie vergessen werde. Ich rufe „Na servas“, und man hält es für schlampiges Baskisch. Eine Mutter reicht mir ihr Baby, um beidhändig jubeln zu können. Ich halte es und winke mit seinem Ärmchen.

Es ist das größte Vertrauen, das mir je entgegengebracht wurde, und es beruht auf einem Irrtum: Man hält mich für eine Spanierin. Es sind die Haare, wahrscheinlich, der strenge Scheitel, in einer Farbe, die hier als Muttersprache durchgeht. Zum ersten Mal wird meine Herkunft nicht erfragt, sondern einfach beschlossen: Spanierin. Ich unterschreibe mit den drei Wörtern, die ich kann: Sí, Vamos, und einmal, im Übermut, Olé. Mehr braucht kein Mensch. Grammatik ist etwas für Länder, die verlieren.

Ich bin freudvoll, denn ich hänge jetzt mit in der spanischen Ahnengalerie, gleich neben dem Jamón: Herkunft laut Fahne, Reifung fortgeschritten, Preis auf Anfrage.

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