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Freudvoll im Krapfenwaldlbad: Aida Loos blickt auf Wien

Kabarettistin Aida Loos sucht ihren Ernst des Lebens und lacht sich dabei kaputt. Dieses Mal:
Aida Loos
Illustration freudvoll

Es gibt Menschen, die in die Berge fahren, um der Stadt zu entkommen und es gibt Menschen, die in die Berge fahren, um auf die Stadt herabzuschauen. Das Krapfenwaldlbad ist der Wallfahrtsort der zweiten. Man sieht von hier oben ganz Wien und ganz Wien sieht einen nicht. Es liegt einem zu Füßen: dampfend, schmorend, arbeitend. Ich blicke auf die Millionenstadt und empfinde eine kostenlose Form von Adel, die man sonst nur durch Heirat erlangt. Hier aber ist sie in der Tageskarte von 8,10 Euro inkludiert.

Dann passiert etwas Demokratisches

Ein kleiner barfüßiger Erbe, getauft auf den fürstlichen Namen Carl Maria, steigt auf eine Wespe. Der Schrei, der folgt, ist nicht von dieser Welt. Er klingt, als hätte er zum ersten Mal erfahren, dass das Universum keine Ahnung hat, wer sein Vater ist. Dieser eilt sofort herbei und sagt panisch: „Nicht weinen!“. Er hat seinen Polokragen aufgestellt. Eine kleine trotzige Mauer gegen die Zumutung, ein Mensch unter Menschen zu sein. Er zeigt damit der Welt: Ich hätte Punk sein können, aber meine Mutter hatte ein Zinshaus. Würde dieser Mann je weinen, liefen die Tränen nicht über seine Wangen, sondern würden vom Kragen aufgefangen und diskret ins Tal abgeleitet werden, wo sie sich unter das Leid der anderen mischten. Gefühle gehören halt kanalisiert wie Regenwasser.

Das Becken ist hier reine Dekoration, eine Metapher für Liquidität. Ein paar Jugendliche ersaufen sich gegenseitig aus reiner Freundschaft. Einer lacht dabei mit Zähnen, die so weiß sind, dass sein Kumpel spontan schneeblind wird und von alleine untergeht. Ein Geisterschwimmer crasht in die Gruppe und spuckt: „Schleichts euch!“ Die anderen sitzen am Rand, lassen die Füße baumeln und halten ihre Aperol Spritz so, als müssten sie gleich für ein Gemälde Modell stehen. Alle tragen eine Sonnenbrille, und jede Sonnenbrille ist eine kleine Augen-Steueroase: Man darf scheinbar selig in den Himmel blinzeln, während man durch getöntes Glas direkt ins Selbstwertgefühl der Konkurrenz blickt, ohne dabei erwischt zu werden. Niemand entspannt sich hier. Sie betreiben Entspannung, sie erbringen sie, sie ackern an ihrer Mühelosigkeit, bis ihnen die Souveränität in Strömen vom Körper rinnt.

Am Beckenrand thront ein junger Mann

Sonnenverbrannt im Bereich der oberen Mittelschicht, und teilt seinen Freunden mit, er sei „so was von groggy“. Das Wort tritt durch die Nase aus, lang gezogen und zollpflichtig, jeder Vokal muss noch kurz anhalten und seine Herkunft belegen. „Groooggyyy.“ Sein Handy läutet. Er sagt: „Das ist mir too much“, und hebt nicht ab. Er ist müde von einem Leben, das er sich nicht selbst verdient hat, und das ist die anstrengendste Müdigkeit von allen.

Zurück am Platz fragt mich ein älterer Herr, ob die Liege neben mir noch frei sei, und dann, ohne Übergang, ob ich auch finde, dass das Bad „die letzten Jahre leider sehr aufgemacht“ habe. Aufgemacht. Er meint: Es kommen jetzt Leute. Er schaut mich dabei an, als sei ich ein bedauerlicher, aber tolerierbarer Beweis seiner These. Ich sage: „Ja, schrecklich, diese Leute“, und wir nicken beide betrübt über die Leute, von denen eine gerade ich bin. Dann geht er, mit dem Brustkorb voran, wie ein Mann, der sein eigenes Denkmal schon in Auftrag gegeben hat.

Badeschluss. Ich fahre mit dem 38er in die Stadt, und mit jeder Station kehrt das echte Wien zurück: schwitzend, schimpfend, groggy. Es riecht nach zwei Millionen Menschen. Ich bin freudvoll, denn es riecht nach mir.

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