„Mein Kind hat eine Nachprüfung“: Aida Loos lässt niemanden sitzen
„Mein Kind hat eine Nachprüfung!“
Der Nachzipf zipft Sie an? Endlich jemand mit einem Problem, das nicht seines ist. Nehmen Sie Platz, mein liebes Muttertier, und keine Sorge, bei mir ist noch niemand sitzen geblieben.
In welchem Fach denn? Mathematik?
Natürlich. Ich übersetze Ihr Problem in eine Textaufgabe: Eine Mutter (48) verliert seit dem Zeugnistag täglich 40 g Gelassenheit bei einer Körpergröße von 1,65 m und erzeugt stündlich 2,5 Ermahnungen. Frage: Wann landet der Helikopter? Was hatten Sie eigentlich in Mathe? Aha. Und was ist davon geblieben?
Integrieren Sie irgendetwas außer Ihrem Lieblingsflüchtling? Rechnen Sie mit Wahrscheinlichkeiten oder einfach gleich mit allem? Sehen Sie. Sie haben alles vergessen und besitzen trotzdem einen Thermomix, mehrere Meinungen und ein Kind, das Sie enttäuscht. Mehr kann Bildung nicht leisten.
Aber seine Noten? Ist Ihnen je aufgefallen, dass sich die Schule dieses Wort von der Musik ausgeborgt und nie wieder zurückgegeben hat? In der Musik sagt eine Note, wie es weitergeht. In der Schule behauptet sie, wie es gewesen ist. Fünf Linien dort, fünf Stufen da. Auf die einen schreibt man Melodien, auf die anderen Urteile, und Sie lesen nur noch die zweite Sorte. Dabei hätten Sie ein absolutes Gehör, nur leider für die falschen Töne. Sie hören problemlos durch zwei geschlossene Türen, ob ihr Sohn blättert oder scrollt, und klatschen dann an der falschen Stelle.
Ihr Kind soll auswendig lernen, was die KI längst auswendiger kann. Sie löst Gleichungen, übersetzt Latein flüssiger als der Vatikan und beweist die Relativitätstheorie neu, nur um sich die Zeit zu vertreiben, bis der Mensch endlich aufgibt. Sofort, höflich, um drei Uhr in der Früh, in jeder Sprache, und morgen besser als heute. Nur sitzen bleiben kann sie nicht, dafür fehlt ihr der Hintern.
Früher kostete eine Antwort Mühe
Heute kostet sie eine Frage. Wissen kommt inzwischen aus der Leitung wie Wasser, nur die Schule schickt die Kinder weiter mit dem Krug zum Brunnen und benotet ihre Haltung. Die Handys kommen daweil in den Spind. Man sperrt die Gegenwart ein und prüft die Vergangenheit ab.
Schauen Sie sich allein die Vorsilbe an: Nachprüfung, Nachhilfe, Nachsitzen. Eine Institution im Dauer-Nachhinein hat der Zukunft ein Betretungsverbot verhängt und wundert sich, dass sie vor dem Schultor steht und raucht. Und in diesem Gebäude soll Ihr Sohn beweisen, dass er fließend rückwärts spricht.
„Nicht genügend“ heißt es dann amtlich
Ein brutales Wort, aber lesen Sie genau: Es steht nicht dabei, wem er nicht genügt. Dem Lehrplan nicht. Gut. Und Ihnen? Aber irgendetwas muss doch aus ihm werden? Wird es auch. Wissen Sie, wer 2040 der wichtigste Mensch des Landes ist? Der Kältetechniker. Melden Sie ihn zur Lehre an, und bald sind Sie die gefragteste Schwiegermutter Ihres Grätzels.
Was ich Ihnen noch rate? Lernen Sie mit ihm. Kleiner Scherz, um Gottes willen. Merken Sie sich die wichtigste Regel jedes Konzerts: Man klatscht nicht hinein, man lässt ausklingen und vertraut darauf, dass die nächste Note richtig ist. Und im September sind Sie bitte Publikum. Das hat nur eine Aufgabe: da sein, wenn der Vorhang aufgeht, und noch da sein, wenn der Vorhang fällt. Ganz gleich, was dazwischen gespielt wurde.
So, das macht dann 280 Euro bitte. Nein, nicht in Raten. Geraten wird im Herbst.
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