Kolumnen
10.02.2019

Fabelhafte Welt: Wer ist der Super-Nerd?

Wir sollten nicht nur die Liebe, sonder auch den Enthusiasmus aller Art feiern.

Neulich kam mein Mann nachhause. Ich bemerkte ihn nicht, denn ich war in eine lateinische Ausgabe von Ovids Amores vertieft. Der Gatte baute sich vor mir auf und sagte: „Du bist der sexiest Nerd, den ich kenne.“ So sehr ich mich auch über seine Aufmerksamkeit freute: Besonders nerdig finde ich es nicht, die Lektüre lateinischer Texte zu genießen. Außerdem braucht mein Dottore Amore gar nicht reden. Von allen medizinischen Fächern spezialisiert er sich ausgerechnet auf Urologie, um sich bis zu seiner Pensionierung mit Lulu und Spatzis zu beschäftigen.
Abseits dessen erachte ich es allerdings als super, nerdig zu sein. Um als Nerd klassifiziert zu werden, ist es nötig, nicht nur ein spezielles Interesse zu haben, sondern leidenschaftlich dafür zu brennen. Außerdem leben wir im Zeitalter der Nerds! Am Arbeitsmarkt sind Menschen mit echter Passion, Eifer und Inbrunst begehrt. Und vor zehn Jahren dateten Topmodels Sportler und Millionäre, mittlerweile heiraten sie Nerds aus dem Silicon Valley. Ich bin daher dafür, am Valentinstag nicht nur die Liebe zu Menschen, sondern  Enthusiasmus aller Art zu feiern. Ich zum Beispiel habe aus Zuneigung zu den alten Sprachen begonnen, mit meinem Hund Latein zu sprechen. Die Flamme jeder Leidenschaft muss schließlich gepflegt werden. Der Hund schätzt die Klarheit lateinischer Imperative wie „Veni!“ und ich komme mir weniger blöd dabei vor, ihm „Noli podicem altris canis tangere!“ zu gebieten, anstatt „Nicht das Po-Loch von dem anderen Hund berühren!“ Doch nach einem langen Spaziergang betrat ich neulich die Bäckerei, dachte nicht nach, und grüßte die Bäckersfrauen mit: „Salvete! Venio panem petitura!“ Bei ihren Blicken bedauerte ich, nicht im Vatikan zu leben. Aber so ist das halt mit der wahren Liebe. Nicht jeder wird sie verstehen, Hauptsache, man selbst spürt sie.

vea.kaiser@kurier.at