Kolumnen
03.02.2019

Fabelhafte Welt: Skifoan

Was macht der ewig erfrorene Dottore Amore mit einem Skioverall?

Für meine Großeltern war Skifahren in den 60ern und 70ern mehr als  ein Hobby, es war ein Symbol, es geschafft zu haben: Freizeit genießen zu können, anstatt sich um das nächste Essen sorgen zu müssen. Meine Eltern lernten einander in den 80ern auf einem Skikurs für „Eisenbahner-Kinder“ kennen und zeugten ihren Nachwuchs in Skiurlauben. Und dann kam mit mir die dritte Generation, die dieses Vergnügen erstmals ablehnte. Man wusste immer, wo mein Kinderskikurs gerade abfuhr, weil ich vom Einsteigen in den Lift bis zum Abschnallen der Ski durchgehend heulte. Erwachsenwerden bedeutete für mich, dem Skifahren abzuschwören. Einen Süditaliener zu heiraten, hielt ich für den endgültigen Sargnagel dieses Themas. Mein Mann hat schließlich so eine Aversion gegen Kälte, dass ich zwischen Oktober und März nicht lüften darf. Doch dann kam er plötzlich mit einem Skioverall nachhause und eröffnete mir, Skifahren lernen zu wollen: Immerhin sei er ja jetzt mit einer Niederösterreicherin verheiratet. Das letzte Wochenende also verbrachten wir auf der Piste. Am Samstag mit dem geduldigsten Skilehrer der Alpen und am Sonntag mit Freunden. Ich lernte mehr als nur Skifahren. Ich lernte, dass Erwachsenwerden auch bedeutet, Dingen, die man in der Kindheit verabscheute, noch eine Chance zu geben. Dass Skifahren wirklich für alle geeignet ist, denn sogar mein Süditaliener schaffte es ohne Erfrierungen, und derjenige aus unserer Partie, der die beste Figur machte, war ein Arzt mit Schönbrunner Akzent und palästinensischen Wurzeln. Oder wie er selbst grinsend sagte: „Wer hätte gedacht, dass der Kameltreiber der beste Skifahrer der Runde ist?“ Ich erlebte, dass Skifahren vielleicht nicht zu 100% das leiwandste ist, was man sich nur vorstellen kann, aber fast. Und dass es österreichisch im besten Sinne ist: nämlich immer offen für neue Bedeutungen.

vea.kaiser@kurier.at