Kolumnen
22.04.2018

Fabelhafte Welt: Mein gallischer Hügel

Was der "Schwübogen" in meiner niederösterreichischen Heimat bei mir bewirkt hat.

Vea Kaiser über Liebesbezeugungen

Als Jugendliche verfluchte ich mein Leben in einem kleinen niederösterreichischen Dorf. Zumal ich nicht einmal im Epizentrum aufwuchs, sondern auf einem Hügel – wie wenn es in dem gallischen Dorf aus Asterix und Obelix einen kleinen gallischen Hügel gegeben hätte. Die Bewohner halten seit der in den 90ern erfolgten Eroberung des Hügels fest zusammen. Ihre bemerkenswerteste Errungenschaft ist ein Stehtisch auf Rollen, der sonntags vor eine wechselnde Einfahrt gerollt wird, auf dass einander die Hügelianer treffen, um die Belange des Hügels bei Spritzwein zu diskutieren. Als Jugendliche fand ich all das beengend, zumal an diesem Stehtisch lustige Aktionen ausgeheckt wurden, wie dass ich eines Maimorgens einen  Maistrich vor meiner Tür fand, der zum Haus meines Erzfeindes führte. Das peinlichste Erlebnis meines Lebens. Bald danach zog ich fort und war froh, dem Hügel entronnen zu sein. Ich lebte in verschiedenen Ländern, reiste um die ganze Welt, und begann den Hügel zu vermissen. Vergangene Woche lernte ich, warum. Die Hügelianer hatten sich stundenlang versammelt, um einen 2x3 Meter großen Torbogen aus Reisig und Wachsblumen zu flechten, auf dem groß Ein Hoch dem Brautpaar steht, und den sie, als wir dort zu Besuch waren, vor dem Haus meiner Eltern aufstellten. Daraufhin feierten wir bis spät in die Nacht die kommende Hochzeit. Was mein Dottore Amore tagelang bereute, denn man weiß aus Asterix und Obelix, dass die Römer nicht so viel Zaubertrank vertragen wie die Gallier. Und erst recht nicht die Hügel-Gallier. Dieser sogenannte „Schwübogen“ ist eine Tradition, um dem Brautpaar zu gratulieren. Aber für mich ist er ein Zeichen, dass es wunderbare Menschen gibt, die dich seit klein auf kennen, und selbst wenn du weggehst, immer im Herzen tragen werden. Und das ist wahrscheinlich das, was man Heimat nennt.

vea.kaiser@kurier.at