Kolumnen
30.09.2018

Fabelhafte Welt: Lesen zu zweit

Vea Kaiser über Bücher und die Liebe

Mein Lieblingsfotograf schießt zwar die besten Schriftstellerporträts, doch Bücher liest er aus Prinzip nicht. Ihm mangelt es nicht bloß an Zeit, wie die meisten Lesemuffel vorschützen, nein, er will keine Bücher lesen, denn er behauptet: „Lesen schadet dem Liebesleben.“ Es ärgert mich maßlos, dass er zu einem gewissen Grad Recht hat. Wenn man abends im Bett nebeneinander in Büchern versinkt, anstatt zusammen unter der Decke, dann hilft das wohl kaum der Erotik. Dennoch kann es keinesfalls eine Lösung sein, Bücher nicht mehr mit ins Bett zu nehmen. Der Dottore Amore und ich erprobten deshalb auf unseren Flitterwochen verschiedene Möglichkeiten, gemeinsam zu lesen. Uns vorzulesen funktionierte leider nicht, da ich als hauptberufliche Schriftstellerin auch hauptberuflich vorlese. Nicht-professionelle Vorleser lassen mir ähnlich schnell die Nackenhaare emporschießen wie meinem Dottore die Homöopathen. Doch wir fanden eine Lösung für einen Lesegenuss zu zweit, und zwar Hörbücher! Hörbücher waren bisher meine Begleiter auf langen Autofahrten, und Kameraden beim Putzen, Kochen wie Bügeln. Sie sind allerdings auch das ideale Medium für das Lesen zu zweit. Man kann Wendungen diskutieren, gemeinsam die Höhen und Tiefen einer Erzählung erleben und etwas teilen, das sich nur schwer in Worte fassen lässt: nämlich das Staunen über eine gute Geschichte. Jenes Glücksgefühl, das dafür sorgte, dass Bücher allen Unkenrufen zum Trotz nie aussterben werden. Und damit auch die Leser nicht Aussterben, kann man ja abends im Bett zusammen ein Büchlein hören, irgendwann unter der Decke verschwinden, und es genießen, eine gemeinsame Reise, ein gemeinsames Abenteuer oder eine sonstige gemeinsame Erfahrung gemacht zu haben. Denn das Lesen und das Lieben haben auch etwas gemeinsam: Beides macht glücklich.

vea.kaiser@kurier.at