Kolumnen
27.01.2019

Fabelhafte Welt: Hilfe der Dottore Amore weigert sich

Dabei macht die Menschheit doch aus Liebe viel verrücktere Dinge als das.

Mit einem Arzt verheiratet zu sein, habe ich mir „ergiebiger“ vorgestellt. Ich dachte, mir fortan alle Arztbesuche sparen zu können, doch der Dottore Amore weigert sich standhaft, mich zu impfen, aus Angst, ich würde seinen Anblick irgendwann mit einem schmerzhaften Piksen assoziieren. An spannenden Patientenbiografien lässt er mich mit Hinweis auf seine Schweigepflicht auch nicht teilhaben, und aufregende Nachtdienst-Affairen zwischen Kollegen gebe es, laut seiner Behauptung, nur bei Grey’s Anatomy. Dafür ruft er sofort die Vergiftungszentrale an, wenn ich Schwammerln kochte und ihm der Magen grummelt. Oder er erklärt mir beim Essen detailliert, wie man eine Schiene in einen Harnleiter einführt und einen verdrehten Hoden begradigt. Als ob das die Informationen wären, die ich bräuchte. Doch nun verlange ich etwas. Und zwar, dass er mich in zwei Wochen nach einem kleinen Eingriff am Nacken wieder zunäht. Er weigert sich standhaft, denn die Stelle ist gut sichtbar. Ich hingegen habe höchstes Vertrauen in seine plastischen Fähigkeiten: Wer regelmäßig Spatzis beschneidet, wird ja wohl einen Fetzen Nackenhaut zusammennähen können. Und selbst wenn die Naht nicht perfekt werden sollte, ist es ja weniger schlimm, wenn einen der eigene Gatte verpfuscht, als irgendeine fremde Dermatologin. Zugegeben, wenn mich später jemand fragt, woher ich diese Narbe hätte, müsste ich der Antwort „von meinem Mann“ wahrscheinlich eine Erklärung hinzufügen, doch ich finde es schön, etwas von ihm auf meinem Körper zu tragen. Die Menschheit macht aus Liebe viel verrücktere Dinge: Wie sich den Namen des oder der Liebsten auf den Popsch tätowieren zu lassen. Da bevorzuge ich, von meinem Herzkönig repariert zu werden. Es heißt ja schließlich, „Liebe heilt Wunden“. Wäre doch schön, ein wandelndes Beispiel dafür zu sein.

vea.kaiser@kurier.at