Kolumnen
11/09/2019

Fabelhafte Welt: Für Buchwürmer und Leseratten

Die Handke-Diskussion beweist, wie sehr Literatur die Menschen noch immer bewegt und, wie ich meine, auch immer bewegen wird.

von Vea Kaiser

Dieser Tage findet die Buch Wien statt, und mir schwant, dass vor allem über eines diskutiert wird: den Nobelpreis für Peter Handke. Ich finde es großartig, dass ein Literaturpreis solch Aufregung verursacht. Üblicherweise wird auf Buchmessen gern das Aussterben von Buchwürmern und Leseratten beklagt. Heuer können wir optimistisch sein. Die Handke-Diskussion beweist, wie sehr Literatur die Menschen noch immer bewegt und, wie ich meine, auch immer bewegen wird.
Geschmäcker sind verschieden. Und das ist gut so. Wie fad wäre die Welt, würde uns alle das Gleiche begeistern? Wo wäre Platz für Innovation und Variation? Abseits der Geschmacksfrage herrscht allerdings Konsens darüber, dass Herr Handke kein netter Mensch ist. Nette Menschen treten keine Frauen, schimpfen nicht über Kollegen, halten keine Grabreden für Diktatoren und  verharmlosen keine Massaker. Literaturnobelpreisträger aber leider schon: Eugene O’Neill (1936) schlug seine dritte Frau und bedrohte sie mit einer Pistole. Knut Hamsun (1920) und Gerhart Hauptmann (1912) waren eifrige Nationalsozialisten, Pablo Neruda (1971) schrieb zu Stalins Tod eine Ode an den Diktator, und in einer posthum veröffentlichten Arbeit, eine Frau vergewaltigt zu haben.
Die Liste könnte man leicht verlängern. Fazit: man muss kein netter Mensch sein, um den Literaturnobelpreis zu erhalten. Aber, und das ist die Freiheit, die wir in einer Welt der vielfältigen Literatur haben: Wir müssen diese Autoren ebenso wenig lesen. Wir können stattdessen zu den Werken von Nobelpreisträgerinnen wie Nadine Gordimer oder Toni Morrison greifen, die nicht nur fantastisch schrieben, sondern sich für eine bessere Welt einsetzten. Oder zum Buchpreisträger Saša Stanišic, der nicht nur einer der größten lebenden Erzähler ist, sondern auch ein rarer Vogel unter Autoren: nämlich ein wirklich netter Mensch.

vea.kaiser@kurier.at

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