Kolumnen
05/09/2020

Fabelhafte Welt: Als ich eine Krätzen war

Als Vea Kaiser am Muttertag den Mantel des Schweigens in Form eines Spielteppichs ausbreitete und das Kinderzimmer zur „Erwachsenensperrzone“ erklärte.

von Vea Kaiser

Mein Bruder und ich waren als Kinder süß und rehäugig, aber halt auch kleine Krätzen. Umso ausgeprägter war unser Prä-Muttertags-Bedürfnis, der lieben, manchmal armen Mami eine Freude zu machen. Mit vier oder fünf Jahren wollte ich ihr einen fantastischen Kuchen backen, bestehend aus all ihren Lieblingsspeisen, und das natürlich in der Puppenküche im Kinderzimmer, es sollte ja eine Überraschung werden.

Dass aus dem so hingebungsvoll angerührten Eier-Müsli-Schmalz-Milch-Radieschen-und-Chips-Gemisch nichts wurde, ärgerte mich so sehr, dass ich, anstatt den Misserfolg zu beichten, lieber den Mantel des Schweigens in Form eines Spielteppichs darüber breitete und das Zimmer zur „Erwachsenensperrzone“ erklärte. Tage später verrieten mich der bestialische Gestank sowie eine Ameisenstraße. Fortan verlagerten wir unsere Anstrengungen auf geheime Muttertags-Bastelarbeiten, die jedoch in Anbetracht unserer Vorliebe für die elterliche Heißklebepistole keine große Freude erzeugten. Wer robbt schon gerne am Boden herum, um versehentlich am Parkett angeklebte Schnipsel abzuschaben?

Dass unsere Mutter irgendwann erklärte, wir sollten ihr bitte nichts schenken, unsere Existenz wäre Geschenk genug, war wohl zu einem Teil auch Selbstschutz. Später verstand ich: Dass in Kindergärten und Schulen für den Muttertag gebastelt wird, ist wahrscheinlich erweiterter Mutterschutz. Mir schwant, dass 2020 in die Annalen eingehen wird als dasjenige Jahr, in dem unabsichtlich die meisten Vorhänge bemalt, Lebensmittel bei Backversuchen verschwendet und Haustiere mit Zeugs beklebt werden. So manches lange zu Hause seiende Kind hat vielleicht noch das eine oder andere wiedergutzumachen. Haben Sie morgen einen herrlichen Muttertag, und erinnern wir uns daran: Egal, was unabsichtlich passiert, es geschah garantiert mit den besten Absichten.

vea.kaiser@kurier.at