Kolumnen
19.08.2018

Fabelhafte Welt: Ablaufdatum

Warum ich in der Nationalbibliothek in Tränen ausbrach.

Vergangene Woche versuchte ich, in der Nationalbibliothek meinen Roman zu beenden. In der Pause saß ich im Foyer und starrte auf ein Automatenbrötchen. Der Dottore Amore hatte am Vortag einen seiner Anfälle, infolge dessen er den Inhalt des halben Kühlschranks entsorgte, Gute, essbare und wertvolle Lebensmittel. Er leidet an einer Störung des rezeptiven Systems. Wo normale Menschen Mindestens haltbar bis lesen, sieht er den Satz: Sofort tödlich ab. Unter den Opfern seines Wütens waren auch meine mühsam vorbereiteten Bibliotheksvorräte. Hungrig blickte ich also auf besagtes Weißbrot in meinen Händen und plötzlich begann ich zu weinen. Sturzbachartig kullerten Tränen über meine Wangen. Freundliche Studentinnen wollten mich trösten, dachten infolge meiner Den ganzen Kühlschrank hat er entsorgt-Seufzer jedoch, ich sei geistesgestört, und hielten fortan Abstand von der heulenden Frau mit dem Ei-Sandwich. Zwei Stunden lang weinte ich, weil ich mich von dem Mann, den ich in zwei Wochen heiraten soll, weder verstanden noch unterstützt fühlte. Erst am Heimweg wurde mir der eigentliche Grund dieser Tränen bewusst: Mein Roman wird fertig. Früher dachte ich, einen Roman zu beenden, habe maximale Euphorie zur Folge. Nach drei Romanen weiß ich, dass leider das Gegenteil der Fall ist. Die Arbeit an einem Buch zu beenden, bedeutet, Figuren, deren Schicksale man Jahre lang begleitete, loszulassen. Sich aus einer Welt zu entfernen, in der man es doch so toll hatte. Als Kind weinte ich immer, wenn meine Eltern einem Spaß ein Ende setzten. Ihre Lieblings-Erklärung war: „Man muss aufhören, wenn es am schönsten ist.“ Die Deadline meines Verlags schreit mir diesen Satz ebenfalls ins Gesicht. Aber ich bin stolz darauf, wie eine Fünfjährige zu reagieren, und stundenlang zu plärren. Erwachsen zu sein, wird manchmal überbewertet.

vea.kaiser@kurier.at