Kolumnen
09/20/2019

Dschingis Khan würde schreiend davon laufen

Mich textet ein Herr zu, der entweder farbenblind oder völlig geschmacksbefreit ist. Er trägt getigerte Jogginghosen in Neon-Pink.

von Simone Hoepke

Bei großen Geburtstagsfeiern prallen zwei Welten aufeinander: Freunde und Familie. Der Unterschied liegt im Peinlichkeitsfaktor.

Mich textet ein Herr zu, der entweder farbenblind oder völlig geschmacksbefreit ist. Sein Outfit ist garantiert nirgends auf der Welt in Mode.

Karl Lagerfeld würde sich im Grab umdrehen.

Jogginghosen in Tiger-Look, das ganze in Neon-Pink. Ich fürchte, zu erblinden.

Wegschauen hilft nur bedingt. Immer mehr Partygäste tauchen in erstaunlichen Farben, Mustern und Plastikanzügen auf.

Mir dämmert, dass ich auf einer Bad-Taste-Party gelandet bin. Ein Detailaspekt der Einladung, der mir entgangen ist. Zur Verteidigung bringe ich vor, dass ich keine schriftliche Einladung erhalten habe. Womit klar ist, in welche Kategorie ich gehöre – Familie.

Sie sitzt wie ein Haufen Spaßbremsen in einer Ecke. Die Einzige, die sich zu uns gesellt, ist ein junges Kätzchen. Halbverhungert, ein Haufen Elend.

Mein Schwiegervater mutiert zu einer Art Dschingis Khan. Der Krieger hatte eine Katzenphobie, so wie auch Napoleon.

Beim Schwiegervater wird sie akut, sobald eine Katze bei ihm einziehen will. Es herrscht Alarmstufe Rot. Die Schwiegermutter will das Tier schon mitnehmen, zettelt einen Streit mit dem Schwager an, der jegliche Fütterungsaktion verbietet, da sonst zig Nachbarskatzen seine Terrasse überrennen.

Die Situation tendiert zielsicher in Richtung großes Drama.

Schon tigert jemand zur Nachbarin. Erläutert, dass man Katzen füttern und sterilisieren kann. Stößt auf vollumfängliches Unverständnis.

Wie die Stadtväter von Jerusalem, die die streunenden Katzen der Stadt sterilisieren wollten. Der Plan scheiterte, weil die Ultraorthodoxen protestierten. Sie pochten auf die biblischen Worte „Seid fruchtbar und vermehret euch“.

Mein Schwager ist überzeugt, dass Jerusalem an sein Grundstück grenzt. Schließlich hat er gelesen, dass die Katzendichte heute nirgends höher ist als in der Heiligen Stadt. 2.000 Tiere pro Quadratkilometer.

Dschingis Khan und Napoleon wären schreiend davongelaufen.