Kolumnen
27.04.2018

Der Rohbau

Wenn ein Unglück geschieht und die Menschen auf Abstand gehen, anstatt zu helfen.

Neben der Almhütte, wo ich als Kind jedes Jahr meine Ferien verbrachte, stand ein Rohbau. Er war aus roten Ziegeln und unverputzt. Das Dach, die Öffnungen für die Fenster und Türen, alles schien nur darauf zu warten, dass jemand das Werkzeug in die Hand nahm, das im Inneren am Boden verstreut lag und das Haus endlich fertig baute. Doch das sollte nie geschehen.

Die Frau des Bauern, der in unserer Almhütte aufgewachsen war und sich immer gewünscht hatte, daneben zu bauen und mit Blick auf das Elternhaus zu wohnen, litt an schweren Depressionen. Sie nahm sich das Leben.

Der Rohbau blieb unvollendet.

Der Bauer ließ alles so wie es gewesen war zum Zeitpunkt ihres Todes. Er verpachtete das Elternhaus an uns und verließ das Dorf. Mein Vater erzählte uns die Geschichte so, dass wir sie verstanden. Er hielt nichts davon, das Dunkle im Leben vor seinen Kindern geheim zu halten. Das war nicht immer einfach, aber heute bin ich manchmal froh darüber.

Für uns Kinder war der Rohbau ein verbotener, weil gefährlicher Spielplatz, auf den wir uns trotzdem heimlich schlichen, sobald die Eltern uns für ein paar Momente aus den Augen ließen. Dort konnten wir auf Brettern balancieren, durch die leeren Zimmer laufen, uns hinter den Schuttsäcken verstecken. Es war ein unheimlicher, aufregender Ort für uns. Ins Innere fiel am Nachmittag nur wenig Licht und manchmal glaubten wir, Schritte zu hören vom Stockwerk über uns und rannten schnell hinaus ins Freie ins Sonnenlicht.

Schicksalsschläge

Im Ort gab es ein paar ältere Menschen, erzählte uns der Wirt, der sich mit meinem Vater angefreundet hatte, die den Rohbau mieden. Als wären Schicksalsschläge ansteckend. Als könnte man ihnen ausweichen, wenn man die Straßenseite wechselte, schnell genug ging, nicht nach oben sah auf den Hang zu dem Rohbau mit den roten Ziegeln. Als könnten sie nicht jeden treffen, überall. Viele hatten auch den Bauern gemieden nach dem Tod seiner Frau, sagte der Wirt. Sie waren auf Abstand gegangen. Anstatt Unterstützung anzubieten, Hilfe zu organisieren, sich zu nähern. Ein ausweichendes, drückendes Schweigen hatte sich breit gemacht, zwischen ihm und den anderen. Es war die Ächtung des Unglücklichen, anstatt das Unglück zu ächten. Auch deshalb hatte er den Ort verlassen. Der Wirt vermisste ihn.

Als ich zehn Jahre alt war, gaben wir die Almhütte auf. Ich war viele Jahre nicht in dem kleinen Ort. Erst im Sommer vor drei Jahren, nach dem Tod meines Vaters, wollte ich die Almhütte wiedersehen. Im Ort gibt es jetzt einen Campingplatz und die meisten der alten Bauernhäuser werden nur noch von Feriengästen genutzt. Die Bewohner sind gestorben oder leben im Heim oder unten im Tal, wo das Leben nicht so beschwerlich ist für sie. Das Wirtshaus wurde aufgelassen. Der Wirt ist alt und müde. In unserer Almhütte wohnt jetzt eine Familie aus Deutschland, die sie für die Ferien gepachtet hat. Der Rohbau steht noch immer, aber kaum jemand kennt noch seine Geschichte. Als ich wegfuhr, weil ich alles gesehen hatte und es doch nichts gab, das ich hätte mitnehmen können, leuchteten seine roten Ziegeln in der Abendsonne. Aus den Fenstern wuchsen Hollerbüsche, die bewegten sich im Abendwind hin und her.

barbara.kaufmann@kurier.at