Kolumnen
05/03/2019

Der Mai ist eine besonders geisterhafte Zeit

Nach ein paar Dates lösen sich potenzielle Partner neuerdings gern in Luft auf. Auf Hochzeiten gab es immer schon Geister.

Es ist Mai.

Allergiker erkennen es am Pollenflug.

Wer in der Nähe von Kirchen und Wirtshäusern lebt, an den vielen hupenden Autos, die im Konvoi hinter einer mit Blumen geschmückten Karosse stauen und dabei möglichst viel Wirbel machen. Wer sich fragt, wofür das gut ist: Nicht um die Blicke auf die frisch gewaschenen Autos zu lenken, sondern um böse Geister zu vertreiben, die hinter dem Brautpaar her sind.

Sicherheitsfanatiker binden den Brautleuten später Dosen an den Wagen, die klappernd über den Asphalt gezogen werden. Ein Lärm, der auch den letzten bösen Geist in die Flucht schlägt.

Als moderner, halbwegs klar denkender Mensch möchte man bei solchen Bräuchen den Kopf auf die Tischplatte fallen lassen. Gerne auch mehrmals hintereinander. Als Hochzeitsgast geht das aber nicht. Man hat Wichtigeres zu tun – die Notfallstropfen parat halten zum Beispiel – ein Job, den gewöhnlich die Brautjungfern übernehmen. Ohne sie geht gar nichts – und das nicht erst seit Erfindung der Charterflüge zu Polterabenden auf Ibiza. Ursprünglich wurden Brautjungfern übrigens eingesetzt, um böse Geister von der Braut abzulenken, während diese zum Altar schreitet. Seit ich das gelesen habe, finde ich den Job nur noch halb so schmeichelhaft.

Das Hinterfragen von Brauchtum bei Hochzeiten ist ja generell tabu. Wer kein Spielverderber ist, bewirft das Brautpaar begeistert mit Reiskörnern und freut sich über die Blumenkinder, die mit dem Duft der Blüten die Fruchtbarkeitsgöttin anlocken sollen. Zur Hochzeit gehört so was dazu wie das Über-die-Schwelle-Tragen der Braut vom Bräutigam (weil unter der Schwelle böse Geister lauern).

Hochzeiten sind so gesehen eine einzige Geisterjagd. Das liegt voll im Trend der Zeit.

Laut Umfragen gibt es immer mehr Menschen, deren Bekanntschaften sich plötzlich in Luft auflösen.Von einen Tag auf den anderen sind sie nicht mehr erreichbar, kein Bild, kein Ton. Wie ein Geist verschwunden. Ghosting nennt man das auf Neudeutsch.

Wie viele Verheiratete hinter dem Phänomen stehen, ist nicht überliefert.