Kolumnen
07/27/2019

Christian Seilers Gehen: Wandern um den Piburger See

Piburger – Rundweg Piburger See – Piburg: 6.500 Schritte

von Christian Seiler

Der Piburger See ist ein verstecktes Juwel im Ötztal, wobei der Begriff „versteckt“ relativ ist. Die Einheimischen von Oetz und Umgebung haben diesen See natürlich längst entdeckt. Sie wissen seine Abgelegenheit zu schätzen, und behalten ihn sich als elegante, kühle Reserve gegenüber all den Orten, die sie zu dieser Jahreszeit mit Freunden aus dem restlichen Europa teilen. Mich nahm ein Freund an der Hand, der hierher immer mit dem Fahrrad anreist, sich anschließend entblättert und die frische Temperatur des Sees als Aufforderung ansieht, möglichst rasch wieder auf Touren zu kommen.
 Da spiele ich natürlich nicht mit. Wenn es um Temperaturverträglichkeit geht, bin ich immer der Erste, der sich den Pullover überstreift. Die Tiroler lächeln. Verständnis zeigt nur mein Freund André Heller, der vielleicht noch ein paar Minuten früher zum wärmenden Umhang greift als ich. Er nennt sich deshalb auch einen „Südling“.
Soweit würde ich in meiner Selbstcharakterisierung nicht gehen. Aber mit den Tirolern, die auch den frühen Frost im kurzärmligen T-Shirt begrüßen, halte ich selbstverständlich nicht mit. Und ihr mitleidiges Lächeln halte ich inzwischen auch aus.
Ich kam spät zum Piburger See. Die Dämmerung hatte schon Besitz ergriffen von der Landschaft, und das bedeutete, dass auch die Tagesgäste mit ihren Hängematten und Picknickdecken bereits am Zusammenpacken waren. Die Landschaft leerte sich. Das ist mir die liebste Tageszeit.
Um den Piburger See führt ein Wanderweg. Geringe Steigungen, ständig neue Blicke auf dieses fantastische Biotop, smaragdgrünes Wasser, eine Idee von Abendrot auf dem gegenüberliegenden Acherkogel, zwei Fischer, die sich dasselbe vom einbrechenden Abend versprechen wie ich: Besinnung. Ich gehe diesen Wanderweg entlang, langsamer als sonst, bleibe stehen, lasse mich von jeder Bank dazu verführen, sie für einen Augenblick zu benützen und wahrzunehmen, wie sich die Facetten des Lichts verändern, wie die Wasseroberfläche im Gegenlicht zu leuchten beginnt, wie das Schnappen der Fische ein Muster auf die Oberfläche des Sees zaubert.
 Das eine Ende des Sees ist von einer Badeanstalt in Beschlag genommen. Längst hat sie zu. Auf den Pontons die Stühle und Liegen, tagsüber heiß umkämpft, jetzt Kulissen im Gegenlicht, während irgendwo im Inneren noch jemand seinen Arbeitstag abschließt. Ich gehe den Weg weiter. Es ist schon ziemlich dunkel. Mit der Taschenlampenfunktion meines Handys betrachte ich eine Gedenktafel für einen Tourismuspionier, von dem ich noch nie gehört habe. Er hat dafür gesorgt, dass dieser Weg gebaut wurde, herzlichen Dank.
Es weht kein Wind. Der Abend benimmt sich wie eine Meditationsmusik von Max Richter, er breitet sich aus, pulsiert, legt Harmonien übereinander. Als ich meine Runde vollende, muss ich schon darauf achten, dass ich nicht über eine Baumwurzel stolpere, aber als ich aus dem Wald trete, der den ganzen See einrahmt, öffnet sich noch einmal der Blick auf den Himmel. Und ja, es ist Zeit, meinen Pullover anzuziehen.

christian.seiler@kurier.at