© Alexandra Klobouk

Kolumnen
08/20/2019

Christian Seilers Gehen: Ich bin schlau. Vor allem mit E-Bike

Huben – Pollesalm – Sattelalm (E-Bike) – Ebenalm – Hahlkogelhaus – Sattelalm – Huben: 12.000 Schritte

von Christian Seiler

Ich bin schlau. Ich bin ein Zeitgenosse. Die technologische Revolution geht nicht an mir vorbei, ich mache sie mir zunutze. Zum Beispiel lieh ich mir im Ötztaler Längenfeld ein wundervolles E-Bike aus, weil ich mir Folgendes dachte: Die meisten Bergwanderungen beginnen mit endlosen Hatschereien über Wald- und Wirtschaftswege bis hinauf zur Waldgrenze, und wenn es dann landschaftlich wirklich interessant wird, nämlich mit Weitblick und Sonneneinstrahlung, senden die Oberschenkel die Botschaft an den Kopf, hey, sei mir nicht böse, aber noch zwei Stunden so steil, da spiel ich nicht mit.
Natürlich muss man auf die Oberschenkel nicht hören, aber sie haben ein paar Giftpfeile im Köcher, ich sage nur: Muskelkater. Weil ich aber gelernt habe weiterzudenken, kommt an dieser Stelle das E-Bike ins Spiel. Warum nicht die faden Anteile der Strecke mit dem Bike fahren und erst dann, wenn’s wirklich schön wird, zu Fuß gehen? Das war der Plan, als ich oberhalb von Huben zum Hahlkogelhaus aufbrach. Ich folgte einem vertraulichen Hinweis, dass ich den Fahrweg bis zur Pollesalm nehmen und von dort zum Hahlkogelhaus weitergehen solle und ritt das schwere, aber folgsame Gefährt über einen ziemlich steilen Wirtschaftsweg nach oben, wobei ich permanent die Akkuanzeige im Blick hatte, weil mich die panische Angst plagte, das Bike könnte seinen zweiten Antrieb einbüßen und ich müsste dann sowohl Rad, Akku als auch mich selbst den Berg hinaufschleppen.
Aber dieser Fall trat nicht ein. Ich kam auf der Pollesalm an, durchaus ein paar Schweißtropfen auf der Stirn. Auf den vorangegangenen Kilometern hatte ich zur Kenntnis nehmen müssen, dass ein E-Bike kein Elektroroller ist und durchaus Muskelkraft benötigt. Als ich auf der Hütte nachfragte, wie der weitere Weg zum Hahlkogelhaus verlaufe, erntete ich zuerst einmal Gelächter. Ja, klar, man könne von hier gehen, aber der bessere Weg führe von der Sattelalm hinauf, auch der – mitleidiger Blick auf mein E-Bike – sei ziemlich steil.
Ich fuhr ein paar hundert Meter ab zur Sattelalm, folgte dort dem Wegweiser zum Hahlkogelhaus, ließ das E-Bike dort, wo der Weg sich tatsächlich steil bergauf in die Höhe verabschiedete – und begann eine der schönsten Wanderungen, an die ich mich erinnern kann. Zuerst ziemlich steil, tatsächlich, durch den Wald, über eine Lichtung mit Hütten, durch eine feuchte Landschaft, wo fast unwirkliche Farne und Sumpfpflanzen wachsen, tiefgrün, smaragdgrün und steil, dann schließlich, nach einer guten, langen Stunde steilen Gehens, der Moment, auf den ich gewartet hatte: der Blick über die Fantasielandschaft der Ebenalm, die sich da unterhalb des Inneren Hahlkogels ausbreitet, verspielt und schimmernd, Weitsicht ins Tal, und am Rand des Hangs das Hahlkogelhaus, fast verloren, aber doch ikonisch in seiner schlanken Form.
Leider ist die Hütte seit Jahren zu, deshalb sind auch so wenige Wanderer unterwegs. Ich werde trotzdem wiederkommen, oder sollte ich sagen: gerade deshalb?

christian.seiler@kurier.at