Kolumnen

Chaos de Luxe: Wider den #nofilterneeded-Idyllenterror

Der digitale Anstand gebietet, den Ball flach zu halten.

von Polly Adler

01/11/2020, 06:00 AM

Soziale-Medien-Detox auf Sri Lanka.  Tag drei. Ich will mein Leben ohne „Wie vielen gefĂ€llt das“-NervositĂ€t zurĂŒck. Insta-Askese auch aus Empathie gegenĂŒber den MitbĂŒrgern. Ja, die Sonne ist punschkrapfenrosa, wenn sie abends ins Meer plumpst. Und, Überraschung, die Menschen hier haben gute Laune, weiße ZĂ€hne und können oft aus Obst verzaubernde Schnitzarbeiten herstellen. Aber der digitale Anstand gebietet, diesbezĂŒglich den Ball flach zu halten. Ich finde es nĂ€mlich selbst extrem enervierend, wenn ich grau und zerknĂŒllt am Schreibtisch sitzend und an alten NĂŒsschen kauend, stĂ€ndig mit #nofilterneeded-Idyllenterror im exotischen Ambiente bombardiert werde. Vielleicht noch mit einer sĂŒffisanten Unterzeile Ă  la „Und ihr so?“ oder „Womit haben wir das verdient?“ Solche Anmerkungen wollen doch in Wahrheit nichts anderes sagen als: „Seht nur alle her, ihr traurigen Beutelratten, was ihr vergleichsweise fĂŒr ein erbĂ€rmliches Leben habt!“ Ein fĂŒnfzehnjĂ€hriges Supernerd-Kid mit einem IQ von 160 und kaum SpielgefĂ€hrten hat mir unlĂ€ngst erklĂ€rt, dass nichts grĂ¶ĂŸere RĂŒckschlĂŒsse auf den Verzweiflungsgrad von „digital migrants“ zulĂ€sst, als ein Hashtag-Schwanz an BanalitĂ€ten. Uncooler wird's da nicht mehr. Got it, Nerd-Prinzessin. Ich nĂŒtze meine Zeit lieber produktiv und mache auf Literatur-Kommissar. 100 Prozent Frust. Die Menschen an meinem Strand lesen nichts anderes als Donna Leon, Dan Brown, Jojo Moyes, Nicholas Sparks oder irgendwelche „Du schaffst das“-Fibeln. Junkfood fĂŒr das Hirn, wohin das Auge schweift. Ich trĂ€ume davon, ihnen Strafzettel mit Leserverordnungen von Flaubert, Tolstoi, Roth (Joseph und Philip) und Balzac auszustellen, denke aber dann an den klugen Satz eines belgischen Politikers, der wusste: „Dummheit ist die sonderbarste aller Krankheiten. Denn der Kranke leidet niemals, sondern immer nur die anderen.“ Auch das muss man 2020 verlernen.

„Nymphen in Not“: 11. 2. auf Burg Perchtoldsdorf. Mit Ulrike Beimpold & Petra MorzĂ©.

www.pollyadler.at
polly.adler@kurier.at

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