Kolumnen 10.06.2018

Chaos de Luxe: Polyamourhatscher

Die neue Offenheit der Generation Smoothie

Polly Adler über den Kampf gegen die We-people-Spießigkeit

Rechtzeitig zum Jubiläum: die 68er-Reanimation, das Revival der offenen Beziehung. Oder, wie das Etikett der Sojamilch-Bikram-Yoga-Hip-Hop-obsessionierten-Chillikofsky-Generation für zwischengeschlechtliche Aufgeschlossenheit lautet: „sexually fluid“. Der Fortpflanz ist gerade in Peru, ihr inneres Lama entdecken, aber die Reste ihrer Gang klären mich auf, dass Monogamie inzwischen so aufregend wie saharabeige Birkenstock-Schlapfen ist und in Sachen Horizonterweiterung „die Sackgasse, aber voll“ verkörpere. „Meine Gnädigste sagt immer“, erklärt mir ein 3/4-Erwachsener, „dass sie nicht nur Himbeere in ihre Eistüte will, sondern alle Sorten ausprobieren möchte. Genauso ist es mit der Polyamorie.“ Und was, wenn die Gnädigste dir dann mit Pistazie durchbrennt, Burschi, denke ich mir, weil Pistazie ihr bislang ungeahnte Geschmacksexplosionen verschafft hat – dann wird die liebe Himbeere eher trüb aus der Wäsche schauen. Aber ich halte die Klappe. Man möchte den jungen Menschen, die sich so tapfer gegen die Valentinstag-We-people-Spießigkeit ihrer Eltern auflehnen, doch nicht gleich all ihre schönen Illusionen mit der Spaß-Hacke zertrümmern. Und außerdem: Bei dieser neuen Offenheit fällt der Energiefresser Lügen flach. Jack Nicholson hat mir in einem Interview mit seinem besten Joker-Grinsen geflüstert: „Es ist doch völlig egal – du betrügst sie, du betrügst sie nicht, sie verdächtigen dich in jedem Fall.“ Die neue Offenheit der Generation Smoothie treibt jedoch auch exaltierte Blüten. Nach Auswärtsspielen werden die neuen Eroberungen schon einmal nach Hause zu Multivitamin-Getränken gebeten und alle involvierten Parteien chillen dann gemeinsam. Es ist ein Riesendurcheinander, das durchaus auch seinen Charme besitzt. Es gibt nur ein Gefahrenmoment bei diesem neuen #heyyou-Freibeutertum: Man darf sich unter keinen Umständen verlieben. Weil dann beginnt die wahre Katastrophe.

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( kurier.at ) Erstellt am 10.06.2018