Kolumnen
18.11.2018

Chaos de Luxe: Eine Nudel auf der Nase

Das Parfüm Spaß nicht vergessen

Polly Adler über leere Herzen und Kühlschränke

Kürzlich saß ich wie festgeklebt vor einer TV-Doku über das Wirken der „ New York Times“ in Trumptanien. Der Typ, der die Involvierung des russischen Geheimdiensts gegen Hillary Clinton und das Comey-Gate im FBI aufgeblättert hat, war optisch der totale Anti-Held. Der Typ Mann, der als Teenager in der Tanzschule kotzen musste, ehe er es schaffte, die Mauerrose zu fragen, ob sie Lust habe, mit ihm einen „Shirley Temple“ (©Hanno Pöschl für Soda-Himbeer) zu nehmen. Irgendwann, nach 16 Stunden am iPhone, seufzte er in die Kamera: „Wissen Sie, ich habe kein Leben. Ich bin Single. In meiner Küche befindet sich nicht einmal ein verfluchter Müsliriegel. Das hier, das ist mein Leben.“ Die Kamera schweifte über den kleinen, offenen Kobel, in dem der traurige Mister Schmidt saß. Das Thema Work-Life-Balance ist bei Menschen, die für ihr Ding vibrieren, einfach keines. Als ich mit 23 in diese Branche schlitterte, schlief ich manchmal nachts unter dem Schreibtisch und ernährte mich von Schinkenkäsetoasts. Doch wir hatten so viel Spaß. Nach dem Parfüm Spaß roch Herr Schmidt definitiv nicht. Mich stimmen solche Menschen, deren Herzen so leer wie ihre Kühlschränke sind, doch sehr melancholisch. Nie sah man während der ganzen langen Doku einen aus dem Team „New York Times“ beim lustigen Italiener ums Eck eine Nudel auf der Nase balancieren, nie feierten sie einen Triumph über ihren „American Psycho“ in der Redaktion. Ich bin generell davon überzeugt, dass man besser ist, wen man gut zu sich ist. Dazu gehört, dass man sich ab und zu vergisst und dem Selbstoptimierungswahnsinn die Zunge zeigt. Selbstliebe funktioniert aber nicht im narzisstischen Sinn wie bei Roger Moore, der auf die Frage nach dem Geheimnis seiner Ehe geantwortet hatte: „Wir sind beide verliebt – in mich.“ Sondern ganz unaufgeregt, unangestrengt, aber dennoch voll der Hingabe.

Petra Morzé und Manuel Rubey lesen am 24. November, 20 Uhr aus „Kerls!“,

Karten: www.rabenhoftheater.com

www.pollyadler.at
polly.adler@kurier.at