Kolumnen
03/17/2019

Chaos de Luxe: Der Fluch der Kai-Pflaume-Gedächtnisfrisur

Warum Oberflächlichkeit doch hilfreich sein kann

von Polly Adler

Polly Adler über das Gold im Persönlichkeitsgeschäft

Er ist wirklich witzig, aufmerksam, lacht im Museum bei den richtigen Bildern ...“ Meine Freundin K, 36, also in jener Altersgruppe, in der ein gewisser Abschlussorientierungsstress zwecks Fortpflanzung herrscht, betete wie ein Autoverkäufer die Extras des Gefährts, die Benefits des potenziellen Gefährten herunter: „Hat Gewürze wie ein erwachsener Mann im Küchenregal stehen, sogar Creuset-Kochtöpfe ...“ – „Heterosexuell?“ – „Und wie!“ – „Aber?“ – „Nun ja, es würde alles passen ...“ – „Aber?“ – „Er trägt eine Kai-Pflaume-Gedächtnisfrisur.“ Oh Lord! Das war ja wirklich schwer zu verkraften. Man hielt diese Art des Haarstylings dankenswerterweise für Geschichte und höchstenfalls bei Handyberatern und Frühstücks-TV-Moderatoren angesagt. Ich musste K dennoch bei Laune  halten, denn in ihr tobte ein Kinderwunsch, der sie bei jedem Bugaboo-Anblick in Tränen ausbrechen ließ: „Es hätte wirklich schlimmer kommen können.“ – „Ach ja? Wie denn?“ – „Na ja, Axtmörder, Helene-Fischer-Fan, maligner Narzisst ... Außerdem sind ja Frisuren nicht vererbbar, das Kind käme ja ohne ...“  Ich erzählte ihr vom Fortpflanz, der vor einigen Jahren nach einem ersten Date nur mit Grabesstimme vermeldet hatte: „Der Dude ist wirklich voll cute, aber er hat eine AC/DC-Bettwäsche.“ – „Und? Wie ging die Geschichte weiter?“ – „Sie versuchte, ihre persönliche Geschmackspolizei zum Stillschweigen zu bringen, aber irgendwann kam dann noch ein Black-Sabbath-Pyjama dazu, der Wein wurde aus dem Tetrapack getrunken, er futterte nur Fertiggerichte ...“ – „Sind wir tatsächlich alle solche Snobs?“ – „Ja, ja und nochmals ja, aber Vorurteile helfen, die Realität zu strukturieren. Vielleicht ist ja seine Liebe so groß, dass er sich von dir zu einer Bradley-Cooper-Jesus-Frisur verführen ließe?“ –  „Auch affig irgendwie, oder?“ Da musste ich ihr recht geben. Das Gold im Persönlichkeitsgeschäft ist einfach noch immer Authentizität.

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