Kolumnen
09/12/2020

Chaos de Luxe: Der Abgrund von Tinderistan

Frauen von sensibler Psyche sollten das Stahlbad der Zwischengeschlechtlichkeit vermeiden.

von Polly Adler

Freundinnen in meiner Altersgruppe taumeln neuerdings durch Tinder. ErhĂ€rteten Verdacht, dass ich mir in Wahrheit selbst dort die Ego-Watschen abhole, weise ich strikt von mir: Ich bin manisch analog, was Kontaktaufnahmen betrifft. Wie sich zeigt, ist Tinder ein Stahlbad. Sollte man dort den fahrlĂ€ssigen Fehler einer korrekten Altersangabe begehen, braucht man als Frau eine gefestigte Psyche. Denn die Typen, die einen dann nicht gleich in den Orkus erotischen EntrĂŒmpelungsmaterials wischen und den „It's a match“ drĂŒcken, sehen aus a) wie europĂ€ische Sumo-Ringer nach einer langwierigen Cortisonbehandlung oder b) schlaganfallsgefĂ€hrdete Hobby-Cowboys mit einem Gewaltdurst, der im mildesten Fall mittels Luftdruckgewehr-Geballer auf Klopfbalkon-Tauben gestillt werden könnte. Vom Selbstwert-Beton mancher Kerls sollte man sich stĂŒckweise wegsprengen dĂŒrfen. Und dann haben wir dann noch die Herren mit den Fake-Profilfotos. Die wirken wie Nebendarsteller aus tĂŒrkischen Daytime-Soaps, geschmolzener Nougat im Blick, die klomuschelweißen ZĂ€hne zu einem Hey-life-is-beautiful-LĂ€cheln gefletscht. Wie man inzwischen weiß, verbergen sich hinter diesen Zu-geölt-um-wahr-zu-sein-Feschaks bisweilen mit Zischlaut-Insuffizienzen geschlagene, bildungsferne Peripherie-Paschas, die hoffen mit diesen Fake-Profilen an Frauen außerhalb ihrer analogen Reichweite zu kommen. Bei den ersten Beschnupperungs-Telefonaten wollen dann manche der  Interessenten ohne viel Federlesens wissen, welche sexuelle Position man bevorzuge und ob man der Semmelknödelzubereitung mĂ€chtig sei. Bei mit Empörung angereicherten Antworten kommt dann hĂ€ufig die pikierte Feststellung, ohne ĂŒberhaupt eine Echtleben-Begegnung absolviert zu haben: „Tut mir leid, ich glaube, mit uns wird das nichts.“ Wie der Regisseur David Lynch schon in „Blue Velvet“ seinen tragischen Helden sagen ließ: „Es ist eine fremde und sehr seltsame Welt.“

Polly Adlers Show „Nymphen in Not“ ab 4. Oktober wieder im Wiener Rabenhof.

www.pollyadler.at
polly.adler@kurier.at

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