Kolumnen
20.05.2018

Chaos de Luxe: Das Leben, ein Kalsarikänni

Wie man sich aus der Man-muss-Welt katapultiert.

Polly Adler über Finnen, die von Sinnen sind

Ich will raus aus der „Man muss“-Welt. Man muss entrümpeln und jeden Gegenstand  fragen „Machst du mich tatsächlich glücklich?“ Man muss Menschen treffen, die so langweilig sind wie das Remake von „Dynasty“. Man muss seine idiotische Mitte finden. Ballaststoffreich essen. Hühner kaufen, die einmal fröhlich waren. Man muss schwere Sachen in Turnsälen  in die Höhe heben, dafür auch noch bezahlen. Man muss spazieren gehen. Man muss nie ab und zu eine Zigarette rauchen. Man muss alles, was  Spaß macht, mit Maß und Ziel machen. Was aber, wenn das eigentliche Elend der Seele von all dieser „Man muss“-Zuchtmeisterei und dem damit verbundenen Stress herrührt? Die Finnen, ein bemerkenswert eigenartiges Völkchen, das seine Zeit auch mit Luftgitarren-Weltmeisterschaften und Bügel-Wettkämpfen totzuschlagen weiß, haben etwas erfunden, das diesem Terminterrorismus den Mittelfinger zeigt und einem Chillax-Superlativ gleich kommt: Kalsarikänni. Was soviel heißt: Lassen Sie den Alltag hinter sich und betrinken Sie sich zu Hause allein in Unterwäsche. „Bei diesem sensationellen Wohlfühltrend“, so der Schriftführer der Trunkenheit-im-Feinripp-Bewegung Miska Rantanen, „geht es darum, sich endlich die vielen hoffnungslos verplanten Abende zurückzuholen, die man bei miesen Dates und langweiligen Familienfeiern zugebracht hat.“ Ich verschiebe diesen Trend auf den Winter, denn jetzt lebe ich  an meiner geliebten Alten Donau: Dort dominiert der Gesellschaftssport Gemeinschaftliches-sich-in-die-Welle-Reiten-in-Schwimmklamotten. Ein passendes Wort für diesen Erwerb von Damenspitzerln im Pulk muss ich mir noch einfallen lassen. Sind die Finnen von Sinnen, fragen Sie? Also ich finde dieses Kalsarikänni  sympathischer als dieses Dänen-Spießer-Hygge. Kuscheln mit heißer Schokolade! Geht's noch? Das Leben ist doch kein Ikea-Katalog. Ok, der kommt aus Schweden, aber dort sind sie ähnlich penetrant positiv drauf.

www.pollyadler.at
polly.adler@kurier.at