Ein Kaffeehaus ist kein Museum
Vor Kurzem hat das Café Bräunerhof in der Innenstadt wieder aufgesperrt. Es war voriges Jahr überraschend pleitegegangen, blieb aber ein Kaffeehaus. Oder? Die Wiedereröffnung ist von skurrilen Protestaktionen begleitet: Eine Gruppe – angeblich Studentinnen und Studenten – hat zuerst ein Thomas-Bernhard-Foto, das früher im Bräunerhof hing, „entführt“; vor ein paar Tagen hat sie im Lokal eine Mini-Demo inszeniert. Man habe mit der Übernahme „das letzte Wiener Kaffeehaus umgebracht“, erklärte ein anonymer Sprecher der Widerstandsgruppe in der Presse. „Seitdem ist alles auf Touristen und Kommerz getrimmt.“
Als die Stammgäste das lesen, waren sie alarmiert. Sollte der Bräunerhof ein Café-Central-Schicksal erleiden? „Wir sollten uns den Protesten anschließen!“, meinte Klaus. „Gemach, gemach“, kalmierte Sabine. „Machen wir uns erst einmal selbst ein Bild.“ Schnell war ein kompetenter kleiner Erkundungstrupp zusammengestellt, der sich auf den Weg in die Stallburggasse machte.
Der Chef hört so was nicht gern, weshalb die Stammgäste nur mit gedämpften Stimmen von ihrer Fact-Finding-Mission berichten. „Wir können die Proteste nicht nachvollziehen“, fasst Sabine zusammen. „Das Bräunerhof sieht genauso aus wir früher, nur besser. Und die Klos stinken nicht mehr.“
Die Aktivisten scheinen dem Klischee auf den Leim gegangen, dass echte Wiener Kaffeehäuser versifft und altmodisch sein müssen (am neuen Bräunerhof wird etwa allen Ernstes kritisiert, dass man dort jetzt mit Karte zahlen kann). „Das ist ein Missverständnis“, weiß Stammgast Klaus. „Ein Kaffeehaus ist ein zeitloses Lokal. Das heißt nicht, dass es aus der Zeit fallen muss.“
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