Kolumnen
08.07.2018

Begegnungen: Über Generationen hinweg

Dranbleiben, ohne das Ende erleben zu können – dahinter muss eine große Vision stehen.

Dranbleiben, ohne das Ende

erleben zu können – dahinter muss eine große Vision stehen.Das trifft auch auf die Bauleute des Mittelalters zu, die an der Errichtung des Stephansdoms gearbeitet haben.

Gut gesichert war es mir trotz meines vor einem halben Jahr gebrochenen Oberarmes möglich, beim Erklimmen der Turmspitze auch die schwersten – weil überhängenden – Stellen des versicherten Klettersteiges zu bewältigen. Mithilfe der Ärzte und dank meiner Physiotherapeutin, die keine Mühen und außergewöhnliche Zeiten gescheut hat, ist meine volle Bewegungsfreiheit wieder hergestellt.

Bei jeder meiner bisher 55 Turmbesteigungen war mir bewusst, wie viele Generationen an diesem so besonderen Gotteshaus mitgebaut haben und welche Liebe zum Detail darin steckt! War es vor zwei Wochen ein deutsches Fernsehteam, das mit mir den Steffl erklettert hat, war diesmal der Urenkel eines Steinmetzes dabei, der bei der Turmbekrönung im Jahre 1864 stolz auf seine Mitarbeit zurückblicken konnte.

Das Werk unserer Hände

Begleitet wurden wir von zwei Steinmetzen unserer Dombauhütte, die täglich auf den Gerüsten und den verschiedensten oft sehr ausgesetzten Stellen des Domes behände herumturnen um festzustellen, wo Renovierungsbedarf besteht. Denn solch ein Bauwerk bedarf der kontinuierlichen Ausbesserungsarbeiten. Die Mittel dafür aufzubringen werden wir nicht müde!

Der Stein lässt einen erspüren, wie sehr wir mit vorausgehenden Jahrhunderten in Verbindung stehen. Das stimmt mich – trotz der körperlichen Kletter-Anstrengung bei sommerlichen Temperaturen – nachdenklich und dankbar. Wie ich dann unter der riesigen Kreuzblume das sichere Geländer in Hüfthöhe spüre und bei größter Anspannung die letzte Hürde durch die kleine Öffnung mit meinen Gästen überwinde, ist der Ausblick über die ganze Stadt eine Belohnung für unsere Anstrengung. Die Bewunderung für diejenigen, die diese Turmspitze vor fast 600 Jahren mit bescheidensten Mitteln erbaut haben, ist grenzenlos: Nur mit Holzgerüsten und Seilwinden, ohne Motoren und elektrische Hilfen diese tonnenschweren Steine zu bewegen und in schwindelnder Höhe an den richtigen Stellen zu versetzen, ringt mir höchstes Staunen ab.

Vor 150 Jahren war Urgroßvater Franz Schönthaler mit von der Partie, diesmal der Urenkel und der Ururenkel. Generationen haben an unserem geliebten Stephansdom gearbeitet, unserer Generation ist er nun zur Erhaltung anvertraut.

Gesegnet sei das Werk unserer Hände, Gott zur Ehre und den Menschen zur Freude!

Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan

dompfarrer@stephansdom.at