Lektion 38: Der Wiedererkennungswert
Vorsichtig beugt sich die Kellnerin beim Frühstück im südenglischen Spahotel nach vorne. „Entschuldigung.“ Ein überraschter Blick. Bei zufälligen Begegnungen ist meistens der britische Ehemann der Adressat, lebt er doch seit Jahrzehnten an der Südküste. Doch nein, das Mädchen mit den rötlichen Haaren blickt in meine Augen. „Waren Sie früher Lehrerin?“ Als Lehrerin vermeidet man Zufallsbegegnungen mit Schülern ja gerne, passieren sie doch oft ausgerechnet nach einer verschwitzten Laufrunde oder wenn man mit ungewaschenen Haaren im Supermarkt steht. Für Ausgewanderte sind sie Glücksmomente: Kaum etwas macht so einsam wie die Gewissheit, keinem bekannten Gesicht über den Weg laufen zu können.
Schnell sind im Frühstückszimmer die Bilder von damals wieder präsent. Das Mädchen war nicht in meiner Klasse, aber ihre beste Freundin, die sie regelmäßig abholte. Die Kellnerin lächelt und es wird kurz geplaudert, bevor sie zu ihrem Posten zurückmuss.
Autofenster und Picknickdecken
Ein paar Stunden später, auf dem Weg zu einem Open-Air-Theatre, winkt eine Hand aus einem parkenden Auto. Der dazugehörige Mann rollt das Fenster hinunter. Es ist der Buchhändler von meiner Lesung Anfang Mai. So herzlich ist das Gespräch, dass wir fast den Beginn des Theaterstücks verpassen. Und kaum haben wir auf der Picknickdecke Platz genommen, ruft eine neue Bekannte vom anderen Ende des Publikumsbereichs herüber.
Ankommen, so der Gedanke später beim Aufsperren der Haustür, ist wohl nicht nur, dass einem die umliegenden Gassen, Straßen und Plätze vertraut sind, sondern auch dass man für die Umgebung sichtbar wird.
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