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"Ich werde gemobbt": Aida Loos rät zur Untätigkeit

Auf der Couch mit der (fiktiven) Ururenkelin von Sigmund Freud: Eine Kabarettistin lädt zur satirischen Therapiestunde.
Aida Loos
Illustration Kolumne Aida Loos

Sie Glückspilz! Sie ahnen ja gar nicht, was man Ihnen da überreicht hat: nichts Geringeres als eine Beförderung. Nach unten zwar, in einem Sarg, getragen von den eifrigen Händen der Mittelmäßigen, die endlich ihren Lebenszweck gefunden haben. Denn dieses Ensemble, das ist seine einzige Begabung, erkennt das Außergewöhnliche auf den ersten Blick. Nicht um es zu bestaunen. Sondern um es zu bestatten. Es gibt im Berufsleben nur zwei Aufstiegsrichtungen: hinauf zu den Wenigen oder hinunter zu den Wenigern. Sie haben den lehrreicheren Weg erwischt. Und den kürzeren.

Wer mobbt Sie denn?

Es sind doch sicher keine Genies, oder? Eben. Genies mobben sich höchstens selbst und nennen es dann Schaffenskrise. Es waren wahrscheinlich irgendwelche Menschen, deren größte berufliche Leistung darin besteht, dass sie noch nie krank waren, weil sie auch nie lebendig waren. Mobbing kommt ja selten von oben. Von oben kommt Regen, Segen, gelegentlich ein Klavier. Aber Mobbing kommt stets aus jener farblosen Gegend, in der man die Geburtstagstorte mit dem Lineal teilt und immer eine Sekunde zu spät lacht, dafür eine Sekunde zu laut.

Warum ausgerechnet Sie? Wer gemobbt wird, ragt. Und was ragt, wird abgemäht. Nicht aus Bosheit – die wäre ja noch interessant – sondern aus Symmetriebedürfnis. Diese Menschen mobben Sie, weil Sie ihnen den Durchschnitt versauen. Sie sind schlicht statistisch übergriffig. Und das ist der einzige Vorwurf, den man im Leben mit Würde tragen darf.

Sie verstehen es trotzdem nicht? Müssen Sie auch nicht. Es reicht, wenn Sie nur die Dynamik verstehen. Einer fängt an, drei machen mit, der Rest schweigt. Die Schweiger sind die Schlimmsten. Die Aktiven schwitzen wenigstens, während sie den Sarg halten, aber die Schweiger gehen nur nebenher, schauen zu Boden und trösten sich mit der Lebenslüge der Anständigen: dabei gewesen zu sein, ohne dabei gewesen zu sein.

Man tuschelt über Sie? Nun ja. Das Mittelmaß kann nicht laut reden. Was sollte es auch sagen? „Ich hab gestern gegrillt“? Hätte es Mut, spräche es laut. Hätte es Geist, spräche es pointiert. Hätte es Substanz, spräche es mit Ihnen. Da nichts davon vorliegt, bleibt nur das Tuscheln, und das Tuscheln, müssen Sie wissen, ist die Muttersprache des Mittelmaßes. Man äfft Sie nach? Was sollen sie auch sonst tun? Sich selbst spielen? Womit denn? Mit welcher Persönlichkeit? Wenn der Herbert den Herbert spielt, geht das ganze Publikum, und zwar alle drei. Sehen Sie es einfach als Karaoke Ihrer Existenz. Ohne das Original wäre Stille. Rührend eigentlich nach dem dritten Glas Champagner.

Sie vermuten Neid? Wissen Sie, ich denke oft – und ich denke selten –, dass Neid die einzige der sieben Todsünden ist, die keine Freude bereitet. Der Geizige hat sein Geld, der Wollüstige sein Vergnügen, der Faule sein Bett. Der Neider hat nichts. Er hat nicht einmal seinen Neid. Den hat ja der andere.

Was Sie jetzt tun können? Gar nichts. Das ist Ihre Rache. Ihre Existenz. Ihre bloße, unverschämte, ungeniert eigene Existenz.

So, das macht dann 280 Euro. Bar bitte. Sie können die Rechnung von der Steuer absetzen. Als „außergewöhnliche Belastung“. Fußnote: für die Anderen.

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