Auf der HNO-Ambulanz: Die Nasenmuscheln sind zu fett

Die Kabarettistin Aida Loos sucht ihren Ernst des Lebens und lacht sich dabei kaputt. Dieses Mal: Warten in der Klinik.
Aida Loos
Frau mit Drink sitzt entspannt, umgeben von Tablett, Lippenstift, Zitrone und Hummer mit Obstschale.

Ich sitze auf der HNO-Ambulanz in einer Klinik in Wien und warte darauf, dass meine Nase aufgerufen wird. Ich bin seit drei Stunden hier. Ich bin seit sechs Monaten hier, wenn man die Wartezeit auf den Termin mitzählt. Zweihundert Menschen. Zwanzig Stühle. Es ist ein Verhältnis, bei dem selbst die Massentierhaltung sagen würde: „Also das geht zu weit.“

Auf der Überweisung steht „Conchahyperplasie“. Das heißt: Meine Nasenmuscheln sind zu fett. Mein Hausarzt hat das so gesagt, als hätte ich sie jahrelang mit Butterkipferln gemästet, bis sie so aufgedunsen sind, dass keine Luft mehr durchkommt. Außerdem steht da: „Sprechberuf (Kabarettistin)“ als Begründung, warum es „dringend“ ist. Bei allen anderen ist Atmen offenbar ein Hobby.

Die HNO ist ein Chor aus Räuspern, Schnäuzen und „WOS?!“

Hier sitzt ein Mann, der nicht schlucken kann, neben einer Frau, die nicht hören kann, neben mir, die nicht atmen kann. Zusammen wären wir ein funktionierender Mensch, aber so sind wir wie drei defekte Geräte, die alle in derselben Wühlkiste liegen, mit dem Schild: „Alles muss raus!“

Vor mir sitzt ein Leidensgenosse um die 60, der wahrscheinlich seit der Ära Vranitzky durch den Mund atmet. Ich erkenne ihn sofort an den trockenen Mundwinkeln und dem damischen Gesichtsausdruck, den permanentes Mundöffnen verleiht. Aus dem Lautsprecher kommt ein Geräusch, das entfernt an Sprache erinnert, so wie ein Staubsauger entfernt an Musik erinnert. Dort, wo der Schwerhörige neben dem Tinnitusgequälten sitzt, werden die Namen also geflüstert. Es ist, als serviere man in der Allergieambulanz Erdnussflips. Es ist Ironie in ihrer edelsten Form, und sie ist nicht beabsichtigt, was sie unanfechtbar macht. 

Beabsichtigte Ironie ist Kabarett. Unbeabsichtigte Ironie ist Wien.

Ich verstehe trotz einwandfreier Ohren kein Wort und überlege, nach Hause zu gehen und meine Nase einfach auf Diät zu setzen. Bisschen Intervallatmen, Nasen-Pilates und Schnüffel-Detox. Plötzlich aber erhebt sich eine Patientin und ernennt sich zur Simultanübersetzerin. Sie strahlt die spezielle Erschöpfung eines Menschen aus, dem das Leben nichts Böses getan hat, sondern einfach gar nichts. Sie hört den Lautsprecher. Ich weiß nicht, wie. Vielleicht liest sie Lippen aus der Wand. Egal. Sie ist alles, was wir haben. Sie weiß das und ruft die Namen auf wie eine Feldwebelin: „POSPISCHIIIL!“ „YILDIIIIZ!“

Nach einer Ewigkeit passiert ein Wunder

Sie brüllt: „LOOS!“ Ich stehe auf. Alle stehen auf. LOS. ENDLICH. JETZT! Alle schieben nach vorne, weil sie glauben, es geht los, dabei heißt es nur so. Es ist ein trauriges Bild, gewiss, und trotzdem vielleicht der größte Moment meines bisherigen Lebens: Standing Ovations für eine Frau mit übergewichtigen Schalentieren im Gesicht. Spontan. Unverdient. Ich überlege kurz, ob ich mich verbeugen soll. Eine kleine Dankesrede: „Vielen Dank, ich konnte das ohne meine Muscheln nicht erreichen. Sie waren bei jedem Atemzug an meiner Seite.“ 

Ich bin freudvoll. Die Freude ist nämlich keine Frage des Schicksals, sondern der Hartnäckigkeit. Wer sie sucht, findet sie auch auf der HNO-Ambulanz. Wer sie nicht sucht, findet sie nicht einmal beim Heurigen.

Damit eröffne ich meine neue Kolumne „freudvoll“, die ab nun alternierend mit „freudloos“ erscheinen wird. Jeder Text ein kleiner Hub frischer Luft durch die übersättigten Nasenmuscheln der Gegenwart, vorbei am Kloß im Hals des Zeitgeists, hinein in die nachrichtengeschädigten Ohren der Leserschaft. Ich verspreche, den Blick gen Lautsprecher zu richten, auf dass mir kein Aufruf zur Heiterkeit entgehe.

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