"Ich fühle mich wertlos": Aida Loos über den Frankenstein aus Instagram

Auf der Couch mit der (fiktiven) Ururenkelin von Sigmund Freud: Eine Kabarettistin lädt zur satirischen Therapiestunde.
Aida Loos
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Wie präzise! Wer hat Sie denn geschätzt? Waren Sie im Dorotheum? Wissen Sie, dieses Gefühl ist ja selten ein Gefühl. Es ist ein Diktat, das Ihnen irgendwann jemand in die Seele gesprochen hat, als Ihre Rechtschreibung noch nicht gefestigt war. Und seither schreiben Sie jeden Tag dieselbe Schularbeit, und jeden Tag steht derselbe rote Fünfer darunter in einer Handschrift, die nicht Ihre ist. Jetzt haben Sie die Lektion aber so gut gelernt, dass Sie sie täglich wiederholen müssen. Das ist rührend. Das ist auch ein bisschen dumm. Hauptsächlich ist es aber fleißig, und Fleiß ist die Tugend der Manipulierten.

Für wen fühlen Sie sich überhaupt wertlos? Für die Gesellschaft? Die hat keinen Geschmack. Für Ihre Familie? Die hat keine Distanz. Wertlos gemessen woran überhaupt? An den Anderen? Wer sind denn diese anderen? Ich will einzelne Namen. Sie werden feststellen: Sie vergleichen sich mit einem Kollektiv, das aus den jeweils besten Eigenschaften von zwölf verschiedenen Personen besteht. Die Karriere der einen, die Figur der anderen, die Gelassenheit der dritten, die Kinder der vierten, der Ehemann der fünften. Sie konkurrieren mit einem Frankenstein aus Instagram. Hören Sie auf, sich zu vergleichen. Der Mensch ist das einzige Wesen, das sich einen fremden Maßstab anlegt und dann überrascht ist, nicht zu passen. Der Zentimeter klagt nicht darüber, kein Kilogramm zu sein. Und Teuerste, warten Sie schon gar nicht auf Bestätigung. Bestätigung von außen ist nämlich das Nikotinpflaster der Seele. Es lindert den Drang, ohne je die Sucht zu heilen.

Warum nicht gleich ein kalter Entzug?

Was hindert Sie daran, Sie selbst zu werden? Nämlich unbewertbar. Das ist ein Unterschied. Wertlos heißt: geprüft und für schlecht befunden. Unbewertbar heißt: passt in keine Kategorie. Der Markt weiß nicht, was er mit Ihnen anfangen soll. Das ist kein Fehler, das ist Avantgarde. Die wird immer erst später verstanden. Seien Sie Ihrer Zeit voraus. Oder hinterher. Jedenfalls nicht mittendrin. Mittendrin sind die anderen. Die Bewertbaren. Die mit den kuratierten Profilen und den optimierten Lebensläufen. Die passen rein. Sie nicht. Was stört Sie daran? Das ist Ihr Merkmal. Manche würden sagen: Ihr Wert.

Abgesehen davon ist der Wert eines Menschen keine Eigenschaft, keine Zahl, keine Leistung, keine Bilanz. Man kann ihn nicht verlieren, weil man ihn nicht besitzt – man ist der Wert. Sie können sich wertlos fühlen, gewiss, aber Sie können nicht wertlos sein. Das liegt außerhalb Ihrer Kompetenz.

Was ich Ihnen rate?

Ändern Sie die Sprache, in der Sie über sich reden. Sie reden nämlich Buchhalterisch. Eine scheußliche Sprache, erfunden von Menschen, die die Welt nicht verstehen, aber gerne ordnen. Im Buchhalterischen gibt es Soll und Haben, Aktiva und Passiva, Abschreibung und Restwert – alles Kategorien, die funktionieren, solange man eine Immobilie ist. Das sind Sie aber nicht. Sie sind, im günstigsten Fall, ein Gedicht. Man misst es nicht in Euro, sondern in Atem. Und Gnädigste, tragen Sie ab heute unbedingt einen Hut. Der Hut zwingt Sie in eine aufrechte Haltung. Fangen Sie klein an. Ein Filzhut. Später vielleicht Straußenfeder. Rom wurde auch nicht an einem Tag ausstaffiert.

So, das macht 280 Euro. Bar bitte. Falls Sie jetzt denken, Sie seien das Geld nicht wert – gut. Ich bin es.​

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