Satirische Therapiestunde: Aida Loos über Frauen beim ORF

Auf der Couch mit der (fiktiven) Ururenkelin von Sigmund Freud. Aida Loos berät.
Aida Loos
46-223972677

Wie entzückend präzise! Das Nichts ist ja bekanntlich der einzige Ort in Österreich, aus dem wirkliche Karrieren hervorgehen – warum also nicht auch Kündigungen? Wo waren Sie denn angestellt? Sie waren Moderatorin beim ORF? Und Sie sind wie alt? 53? Teuerste, der ORF ist wie ein Altersheim, aber nur für Männer. Frauen dürfen dort arbeiten, aber nicht alt werden. Männer dürfen dort alt werden, aber nicht arbeiten. Und glauben Sie ja nicht, das sei eine Eigenart des Hauses. Draußen passiert dasselbe. Der ORF ist lediglich das Terrarium, in dem man es gut beobachten kann, weil die Wände aus Glas sind und wir alle für das Futter der Echsen blechen.

Haben Sie denn nicht diese Liste gesehen?

Mann eins: Sitzt dort seit dem Mauerfall, und keiner weiß warum. Mann zwei: Sieht aus wie Mann eins, nur ohne Brille. Mann drei sieht aus wie das gemeinsame Kind von Mann eins und Mann zwei, das nicht geliebt wurde, aber befördert. Die erste Frau auf der Liste taucht erst dort auf, wo bei Speisekarten schon die Digestifs stehen. Und die neue Chefin des Hauses übernimmt vom Vorgänger, der ihr den Laden in einem Zustand hinterlassen hat, den Makler als „Bastlerhit“ bezeichnen würden. Und alle applaudieren, weil sie den Besen so elegant hält.

Das Nichts, von dem Sie so zärtlich sprechen, hat ein Gesicht mit klaren Konturen. Man muss nur lang genug hinschauen, bis es aufhört, freundlich zu schauen. Es hat außerdem einen Vertrag, in dem das Wort „Unkündbarkeit“ vorkommt, gleich neben dem Wort „Indexanpassung“, eine Stimme wie ein Föhn auf Stufe eins, und eine Assistentin, die in seinem Namen pinke Sujets am Weltfrauentag postet, während sie ein Sechstel von ihm verdient. Er sagt „ICH“, wenn’s gut läuft, und „IHR“, wenn’s schlecht läuft.

Haben Sie wenigstens nach dem Grund gefragt? 

Man wolle Veränderung? Köstlich. Als Sie angefangen haben, war der ORF schwarz-weiß. Nicht das Bild, die Gesinnung. Und seitdem hat sich dort wenig verändert, außer den Frauen, die regelmäßig ausgewechselt werden. Die Frauen sind beim ORF die Glühbirnen: Wenn eine ausgebrannt ist – und mit „ausgebrannt“ meint der ORF „53“ – schraubt man eine neue rein. Heller, jünger, billiger. Der Mann ist die Fassung und wer tauscht schon die Fassung aus? Die Glühbirnen müssen strahlen. Die Fassung darf rosten. Die neue Glühbirne heißt wahrscheinlich Lena oder Mia oder beides und sagt Dinge wie „Content“ und „Storytelling“. Das Gemeine: Lena/Mia ist nicht das Problem. Sie ist die nächste Runde. Sie sitzt in 15 Jahren hier, wenn ihr Nichts kommt. Es sei denn, sie tut das, was Sie nicht getan haben: die Fassung verlieren.

Ihr Chef hat Sie zuletzt noch gelobt?

Das Lob ist ja das Herzstück des Nichts. Jedes Mal, wenn etwas ausblieb, eine Gehaltserhöhung, eine Beförderung, ein neues Format, kam das Lob. Pünktlich. Herzlich. Kostenlos. Weil Lob am Küniglberg das Einzige ist, das keine Budgetfreigabe braucht. 

Was ich Ihnen rate? Beantragen Sie beim AMS eine Umschulung zu Lena/Mia. Rufen Sie täglich beim ORF an und fragen Sie nach sich selbst. Wenn man sagt „Die gibt es hier nicht mehr“, schlucken Sie hörbar und flüstern Sie: „Mein herzliches Beileid. Ich wünsche viel Kraft für diese schwere Zeit.“ Und dann legen Sie auf.

So, das macht dann 280 Euro. Die Rechnung schicke ich an Ihren ehemaligen Arbeitgeber. Der wird nicht zahlen? Aja, richtig. Von nichts kommt nichts.

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