"Mein Chef ist übergriffig": Aida Loos über Dämonen und Patschhände

Auf der Couch mit der (fiktiven) Ururenkelin von Sigmund Freud: Eine Kabarettistin lädt zur satirischen Therapiestunde.
Aida Loos

Langsam. Nicht rennen, Sie sind hier nicht auf dem Weg aus seinem Büro. Ihr Chef also. Meinen Sie den mit den Händen? Das ist natürlich furchtbar. Furchtbar gewöhnlich.

Haben Sie ihm gesagt, dass Sie das nicht wollen? Haben Sie. Bravo. Und was hat er gesagt? Er kämpfe mit Dämonen? Er ist also gar nicht von Ihnen besessen? Ich habe in meiner Karriere viel gehört. „Es war ein Versehen“ – Klassiker. „Ich bin taktil veranlagt“ – Kenner. „In meiner Kultur ist das normal“ – Kosmopolit. Aber Dämonen? Das ist – und das sage ich als Connaisseurin des Schrecklichen – neu. Wenn der Teufel wüsste, wofür er heute alles herhalten muss, würde er sich gewerkschaftlich organisieren.

Was haben Sie geantwortet?

Nichts? Sie haben gelächelt? Ihr Chef belästigt Sie und verteidigt sich, indem er so tut, als wäre er eine Kathedrale, in der es spukt, und Sie lächeln? Natürlich, weil Ihnen dreißig Jahre Sozialisation beigebracht haben, dass eine Frau, die nicht lächelt, eine Gefahr für die Zivilisation ist. Sie sind so gut erzogen, dass Ihre Erziehung seine beste Komplizin ist. Er braucht gar keine Dämonen. Er hat Ihre Manieren. Hören Sie gut zu, ich sage das nur einmal, weil Wiederholungen mich langweilen und Langeweile mich grausam macht: Man hat Ihnen eingeredet, dass weibliche Wut unattraktiv ist. Und wissen Sie was? Man hatte recht. Weibliche Wut IST unattraktiv. Für die, die davon betroffen sind. Für alle anderen ist sie spektakulär. Weibliche Wut ist der Komet, vor dem sich die Dinosaurier fürchten sollten. Dass die Dinosaurier sie unattraktiv finden, liegt in der Natur des bevorstehenden Aussterbens.

Er nennt Sie Mäuschen? Selbstverständlich tut er das. Ein Chef, der solche Kosenamen benutzt, verkleinert nicht Ihren Namen, sondern Ihre Existenz. Es ist ein rhetorischer Schrumpfstrahl. Verbünden Sie sich! Ich garantiere Ihnen: Dämonen sind polygam. Denn wenn nur Sie etwas sagen, ist es ein Mäuschen. Wenn zwei etwas sagen, ist es ein Muster. Wenn drei etwas sagen, ist es eine Krise. Und wenn vier etwas sagen, ist es ein Zeitungsartikel. Das Patriarchat, Teuerste, fürchtet nicht die einzelne Frau, sondern den Plural. Es fürchtet den Moment, in dem aus dem Mäuschen ein Rudel wird. Das Gegenteil von Belästigung ist nämlich nicht Respekt, sondern Öffentlichkeit. Übergriffe überleben nur im Dunkeln. Die sind wie Schimmel. Und Sie, meine Liebe, Sie sind das Fenster, das jemand aufmachen muss.

Was ich Ihnen rate?

Kaufen Sie ihm ein Kruzifix. Und dann belästigen Sie zurück. Nicht sexuell! Um Gottes willen. Das wäre ja unter Ihrem Niveau. Bürokratisch. Eine höfliche Mail nach jedem Vorfall: „Bezüglich Ihrer rechten Hand auf meinem Knie von heute, 14:32 Uhr – war diese dämonisch bedingt? Bitte um Stellungnahme bis Freitag.“ CC: Alle. BCC: Luzifer.

Dokumentieren Sie jeden Übergriff. Werden Sie zur Buchhalterin seiner Patschhand. Und dann gehen Sie zur Anwältin. Nicht zum Anwalt, zur Anwältin. Die kennt das Problem nicht aus dem Lehrbuch, sondern aus dem Aufzug. Und dann, wenn er sagt, er habe Dämonen, sagen Sie: „Wie aufregend. Mein Dämon ist Juristin und hat eine Kanzlei in der Innenstadt.“

So, das macht dann 280 Euro bitte. Oder nein – behalten Sie es. Sie werden es für die Anwältin brauchen. Ich kann Ihnen nur Recht geben. Sie kann Ihnen Gerechtigkeit geben. Jetzt dürfen Sie lächeln.

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