Kiku
26.06.2018

Zentralmatura: Für Vergleichbarkeit braucht's gleiche Bedingungen!

Zwei Maturantinnen äußeren nach 12 Schuljahren ihre - und ihrer Kolleg_innen - Gedanken zur Bildungspolitik. Hier sind sie.

Wir sind Elodie Arpa und Walburga Plunger, zwei Maturantinnen, die nach zwölf Schuljahren nun direkt vom Ort des Geschehens berichten wollen. Den Anstoß dazu gab uns unsere Klasse: Denn sie war sich einig. Und das ist eine Seltenheit! Angefangen vom Klassenfoto über Ausflugsziele bis hin zur Maturareise schien ein konstruktiver Meinungsaustausch unmöglich. Doch als wir im Deutsch-Unterricht das Thema Bildung durchnahmen, brachte sich jeder, wirklich jeder Schüler ein, unterbreitete Vorschläge und gab der Dringlichkeit dieses Themas seine Stimme. Und genau das wollen wir hiermit auch tun.

Der Kinder-KURIER veröffentlicht den gesamten fünfseitigen offenen Brief an den Bundespräsidenten, den Bildungsminister sowie „Verantwortliche, Fachkundige und Veränderungsinitiatoren“ weiter unten. Hier sei aber schon aus diesen Gedanken der beiden Maturantinnen zitiert:

„Für ein „Sehr gut" soll man die Aufgabenstellung in einem weit über das Wesentliche hinausgehendem Ausmaß erfüllen und dabei deutliche Eigenständigkeit vorweisen. Wie das bei einem standardisierten Test im Kreuzchen-Format funktionieren soll, ist ein Rätsel. ... Und auch die Testformate gehören verändert. Denn selbst wenn standardisierte Tests im Kreuzchen- und Einsetzformat das Korrigieren erleichtern, geht durch das Ersetzen offener Antwortformate viel verloren. Nur wenn man einem Schüler die Möglichkeit gibt, seine Gedanken zu einem Thema frei zu formulieren, lernt dieser sich eine eigene Meinung zu bilden, diese verständlich auszudrücken und mit Argumenten zu untermauern. Nur offene Antwortformate sind es, die Raum lassen für Kreativität, kritisches Denken und deutliche Eigenständigkeit - die am Arbeitsmarkt (im Angesicht von Digitalisierung) gefragter sind denn je!

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© Bild: APA/HANS KLAUS TECHT

Bulimie-Lernen

Die wenigsten Schüler lernen, um zu wissen. Den meisten geht es nur darum, keine schlechte Note nach Hause zu bringen. In kürzester Zeit werden riesige Stoffmengen aufgenommen, meistens beginnt das Bulimie-Lernen am Vorabend der Schularbeit. Und so schnell wie man das Wissen auswendig gelernt hat (oft ohne eine Ahnung von Kontext und Anwendungsmöglichkeiten zu haben), vergisst man es auch wieder. Dass das langfristig nicht zielführend ist, ist jedem klar...

... Stets wird es angepriesen: lebenslanges Lernen. Während Schüler sich schon mit dem Gedanken abgefunden haben, auch in ihrem späteren Berufsleben immer auf dem neuesten Stand bleiben zu müssen, fühlt sich das Wissen, das man in der Schule vermittelt bekommt, oft überholt und nicht mehr zeitgemäß an. Am Puls der Zeit lehren. Das bedeutet, dass Lehrer in Schulungen ihren Horizont erweitern und neue Erkenntnisse aus der Psychologie und Pädagogik in ihre Unterrichtsmethoden einfließen lassen können. Das bedeutet, dass man auf Fähigkeiten, die Schüler in ihrer Zukunft brauchen werden, besonderen Fokus legt (Bewerbungs- und Motivationsschreiben, Prozentrechnen). Und das bedeutet auch, dass die Digitalisierung ernsthaft Einzug in den Schulen halten muss. E-Learning (seien es aufgenommene Vorlesungen von Top-Universitäten wie Yale und Oxford oder Erklärungsvideos auf YouTube) sollte aktiv in den Unterricht eingebaut und Schüler aufgefordert werden, beim Erlernen einer neuen Sprache auf Möglichkeiten der weltweiten Kommunikation (Austausch mit Muttersprachlern via Skype) zurückzugreifen...

... Alle Jahre wieder: Kritik an der Zentralmatura. Und auch wir haben Vorschläge zu machen. Wir wollen der Matura - und damit auch den Schülern - den (unnötigen) Druck nehmen, nicht aber ihren Schwierigkeitsgrad. ... Das Maturazeugnis soll als Reifeprüfungszeugnis einen Überblick über das Wissen eines Schülers liefern. Doch wie repräsentativ sind Maturanoten wirklich? Stellt die Benotung einer einzigen Prüfung ein würdiges Abbild der über viele Jahre erbrachten Schulleistungen dar? Oder ist die Zentralmatura vielleicht nur eine weitere Schularbeit, bei der es die Tagesverfassung und der Grad der eigenen Nervosität sind, die den größten Teil des erreichten Ergebnisses ausmachen? Ein Beispiel: Ein Schüler, der jedes Jahr mit ausgezeichnetem Erfolg in die nächsthöhere Klasse aufgestiegen ist, mag am Tag der Matura schlimme Kopfschmerzen oder ein Blackout haben. In seinem Zeugnis finden sich daraufhin nur „genügende" statt „sehr gute" Leistungen. Mögliche Erklärungen hierfür: Pech. Oder ist es doch ein Fehler im System?

Um eine solche Situation, enttäuschend und ärgerlich wie sie ist, in Zukunft verhindern zu können, sollten die Maturanoten sich einerseits aus dem Ergebnis der Maturaprüfungen zusammenstellen, andererseits aber auch die Noten der Schüler während ihrer Schullaufbahn berücksichtigen. Denn die Ergebnisse der letzten zwölf Jahre, die Maturanten erbracht haben, sollten nicht umsonst gewesen sein!

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Elodie Arpa bei ihrer Rede am Gedenktag des Parlaments zum Jahrestag der Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthause… © Bild: Parlamentsdirektion/Thomas Topf

Ungleiche Bedingungen

Zentralmatura. Bereits im Namen liegt ihr Ziel. Aufgabenstellungen sollen zentral verfasst, Ergebnisse vergleichbarer und somit letztendlich fairer gemacht werden. Als selbsterklärend könnte man dabei die Tatsache nehmen, dass alle Schüler mit gleichen Voraussetzungen ihre standardisierten Prüfungen bewältigen. Doch wenn einige Klassen bei der Deutsch-Matura am Computer und andere mit der Hand auf Papier schreiben müssen, dann wird deutlich: Hier kann man nicht von zentral, von Vergleichbarkeit und schon gar nicht von Fairness sprechen! Denn in fünf Stunden rund 1000 Worte mit der Hand zu verfassen, umständlich zu editieren, dann nochmal in Reinschrift abschreiben und vor dem Abgeben noch die genaue Wortanzahl zählen zu müssen, ist ein schwieriges - ja im wahrsten Sinne des Wortes leidiges - Unterfangen. Am Computer fällt all das weg. In einheitlicher, immer lesbarer Schrift schreibt man zwei Texte, deren Wortanzahl automatisch am Bildschirmrand erscheint.
Fehler ausbessern und die Struktur einzelner Absätze zu verändern, geht ganz leicht. Eine Reinschrift braucht man nicht. Unfair sind auch die je nach Schule unterschiedlichen Taschenrechner und Mathematik-Computerprogramme. Auch hier gibt es Unterschiede.

Auch hier müssen diese angeglichen werden - oder man gibt unserer Zentralmatura einen neuen, der Realität entsprechenden Namen. ...

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© Bild: APA/HANNES DRAXLER

... Diskussionen sind gut und wichtig, doch viele Jahre, Jahrzehnte lang, ist es nur dabei geblieben. Einzelne Schulversuche wurden eingeleitet, doch wirkliche Umbrüche, umfassende Veränderungen gab es keine. Nun müsste man einen wahrlich großen Sprung wagen. Das ist risikoreich, kostspielig, ungewiss, ja. Doch stagniert unser Bildungssystem weiterhin, während sich alles um uns (vom Arbeitsmarkt über Folgen der Globalisierung und des Klimawandels bis hin zu Kommunikationsmitteln) vollkommen verändert, so wird das Konsequenzen haben. Denn Bildung ist der Grundstein für eine funktionierende Gesellschaft. Wollen wir ein wettbewerbsfähiges, wohlhabendes Land sein? Wollen wir erfolgreiche, selbstbestimmte Leben führen? Dann muss Veränderung im Schulwesen an erster Stelle stehen! Da ist sich sogar unsere Klasse einig. Und das heißt etwas.“

Der gesamte offene Brief der beiden Maturantinnen

Der offene Breif in voller Länge

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