Kiku
15.01.2019

(Zeit-)Geschichte mit berührenden persönlichen Geschichten

„Arthur und Lilly – Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende“: Junge Historikerin und Journalistin stellt vielschichtiges Buch vor.

Alles begann vor mehr als einem Jahrzehnt mit einer zufälligen Begegnung zwischen einem jungen Mädchen und einem alten, aber sehr jung gebliebenen Mann. 380 Seiten zwischen zwei Buchdeckeln und tiefgehende Freundschaften – von der Reihenfolge her umgekehrt – sind die bleibende Folge.

Rechtzeitig vor dem 80. Jahrestag der Pogromnacht (9. Auf den 10. November 1938), bei der allein in Wien 27 Jüd_innen ermordet, 88 schwer verletzt und misshandelt, 6547 verhaftet, vier Dutzend Synagogen und Bethäuser angezündet und mehr als 4000 Geschäfte zerstört und geplündert worden waren (laut Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien), ist „Arthur und Lilly – Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende“ erschienen. Anfang April ist die in München lebende, derzeit vor allem aber Lese-Reisende, Autorin wieder in Wien, im Haus der Geschichte, gemeinsam mit einer weiteren jungen Autorin (Anna Goldenberg, Versteckte Jahre).

„Mir war aber wichtig, nicht wie viele andere Bücher mit 1945, dem Ende des Nazi-Regimes und des 2. Weltkrieges aufzuhören“, so die Autorin zum Kinder-KURIER – für den sie übrigens als Kind und Jugendliche auch öfter geschrieben hatte. „Arthur, damals noch Oswald war da ja erst 17. Es sollte ein Buch über sein Leben werden.“

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Der Beginn

Das Zusammentreffen von Arthur Kern und Lilly Maier wurde zu einer tiefen, berührenden Freundschaft, bewegte das Mädchen dazu, Geschichte zu studieren, seine Lebensgeschichte aus Erzählungen und Akten zu studieren und vor allem viel mit seinen Verwandten und Freunden zu sprechen, Fachleute zu interviewen, Studien zu durchforsten sowie zu Kindertransporten zu forschen – und später auch referieren.

Beide hatten in derselben Wohnung in Wien-Alsergrund gelebt – im Abstand von Jahrzehnten. Als Oswald Kernberg war der Mann 1928 in Wien geboren worden und aufgewachsen. Noch rechtzeitig konnten ihn seine Eltern mit einem Kindertransport – nach Frankreich – in Sicherheit schicken. Sie selbst und sein älterer Bruder wurden später von den Nazis in ein Lager nach Polen verschleppt und ermordet.

In Frankreich fand der Bub in den reformpädagogisch - von ebenfalls vor dem Faschismus geflüchteten Pädagogen - geleiteten Kinderheimen Freunde, die zur neuen Familie wurden. Als die Nazis und das mit ihnen kollaborierende Regime auch dort das Leben von Jüd_innen bedrohten, konnten die Kinder in den USA Zuflucht finden.

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Begegnung

Jahrzehnte später besuchte der sich auf Arthur Kern umbenannte Mann mit seiner Ehefrau, die übrigens nur wenige Gehminuten entfernt aufgewachsen war, die einander aber erst beim Studium in den USA kennen und lieben gelernt hatten, Wien. Aber erst beim zweiten Wien-Besuch über die Vermittlung einer anderen Zufallsbekanntschaft, klopften die Kerns an die Tür der Maiers.

Vom Projekt zum Studium

Lilly war da gerade dabei, beim wohl größten, intensivsten Schulprojekt zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust – A Letter tot he Stars (gut 50.000 Beteiligte) – mitzuarbeiten. Nach und nach vertiefte sich Lilly in Arthurs Geschichte und die der Kindertransporte.

So wie sie tatsächlich von persönlichen Gesprächen zur historisch fundierten Recherche kam, so verbindet sie meisterhaft die beiden Ebenen auch im Buch. Das liest sich im Übrigen leicht, weil es historische Fakten in persönlichen – echten Geschichten – darstellt. Es handelt sich aber nicht um einen historischen Roman. Maier, die neben Geschichte auch Journalismus studierte, verbindet immer wieder die Lebensgeschichte ihres Hauptprotagonisten mit eigenen persönlichen Begegnungen – sei es mit Verwandten oder Freunden der Kerns oder sei es bei der Recherche auf den Spuren Arthurs/Oswalds – vor allem in Frankreich in den Gebäuden, in denen die Kinder- und Jugendflüchtlinge untergebracht waren.

Auch wenn mitunter Schilderungen der Autorin fast zu Tränen rühren, wirkt keine der Passagen pathetisch. Geschichte wurde schon und wird immer wieder lebendig, wenn historische Ereignisse in Form realer Lebensgeschichten aufgeschlüsselt werden. Hier kommt immer wieder noch eine weitere Ebene hinzu – die der Verknüpfung mit der Lebensgeschichte der jungen, heranwachsenden Autorin in ihrer auch persönlichen Weiterentwicklung.

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Zufälle

Sowohl im Buch selbst, aber noch mehr bei Präsentationen desselben weist Lilly Maier auf sehr viele Zufälle hin, die sowohl im Leben Arthur Kerns (vormals Oswald Kernbergs) als auch in der Begegnung der Beiden große Rollen gespielt haben. So führte ein Foto zu einem Bericht im KURIER über die Teilnahme der jungen Lilly Maier an dem genannten Schulprojekt dazu, dass sich eine alte Dame in der Redaktion meldete. Bei ihr war jahrzehntelang ein Umschlag mit Dokumenten der Kernbergs in Verwahrung gewesen, die der Vater vor der Deportierung der Familie. Für eine erhoffte spätere Rückkehr deponiert hatte. Über diesen Umweg bekam Arthur Jahrzehnte später Dokumente der Eltern in die Hand. Einfach umwerfend.

Reformpädagogik

Einen eigenen Abschnitt widmet die Autorin dem Reformpädagogen Ernst Papanek. Ähnlich wie Janusz Korczak im Waisenhaus im Warschauer Ghetto legten der aus Wien vertriebene Papanek und seine Mitarbeiter_innen selbst unter den Flucht-/Bedrohungsbedingungen großen und größten Wert auf Partizipation, auf die Mit- und Selbstbestimmung der Kinder und Jugendlichen – nicht zuletzt als Basis für praxisnahe Demokratieerziehung.

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Erfolgreiches (Über-)Leben

Und obwohl der Ausgangspunkt all dieser Geschichten die kaum zu fassenden Gräueltaten, das unmenschliche, diktatorische faschistische Regime mit der Verfolgung von politischen Gegnern und zu Untermenschen erklärten Gruppen war, der Holocaust, zieht das Buch nicht runter. Im Gegenteil, die Darstellung der höchst erfolgreichen weiteren Lebensgeschichten Überlebender – mit dem Hinweis, dass allein aus den Kindertransport-Kindern drei Nobelpreisträger hervorgingen sowie mit Nachkommen eine Mehr-Tausendköpfige Community entstand – strahlt Optimismus, ein – unausgesprochenes Plädoyer fürs Leben aus.

Dazu tragen nicht zuletzt die immer wieder eingestreuten Schilderungen der Schalkhaftigkeit des jungen, aber auch noch des ziemlich alten Arthur Kerns bei. Immer wieder spielt er Streiche, macht Späße, versprüht Witz und Humor, wie die Autorin an mehreren Stellen schildert.

Parallelen

Ganz ohne Zeigefinger oder gar belehrend, drängt sich immer wieder jedoch fast zwangsläufig die Parallele von seinerzeitig über Kindertransporte geretteten Kindern und Jugendlichen mit heutigen unbegleiteten minderjährigen oder Boots-Flüchtlingen auf, denen vielfach Aufnahme verweigert oder die andere am liebsten hinter Stacheldraht eingesperrt hätten.

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Buch-Infos

Lilly Maier
Arthur und Lilly
Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende
Zwei Leben – eine Geschichte

384 Seiten
mit 32 Seiten (Farb-)Bildteil
Verlag: Heyne
22,70 €
eBook: 17,99 €

Zu Lilly Maiers Homepage

Fotos von einer der Buchpräsentationen in Wien - im MuseumsQuartier