Szenenfoto aus "Frankenstein" im Theatre der Jugend, Wien

© Rita Newman

Kiku
05/04/2019

Wo „Monster“ mehr Verantwortung zeigen als ihre Schöpfer

„Frankenstein“ in einer Version des Wiener Theaters der Jugend baut daraus eine Dystopie der totalen Kontrolle im Jahr 2065.

von Heinz Wagner

Genial wie Stefan Rosenthal „das Monster“ in der jüngsten Theater-der-Jugend-Produktion „Frankenstein“ spielt. Ein Mix aus völlig fremden Wesen und irgendwie auch Kleinkind – in seinen Bewegungen zu Beginn. Die klassische Geschichte von Mary Shelley (1818) wird in der Version von Clemens Pötsch (Regie: Felix Metzner) ins Jahr 2065 verlegt.

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Entwicklung

Die Allmachtsphantasie des experimentierfreudigen Wissenschafters Victor Frankenstein (Jürgen Heigl), ein neues Wesen zu schaffen, das sich dann zu einem Monster verselbstständigt, wird in dieser in einer Art futuristischem Ambiente angesiedelten Dystopie globaler angelegt. Und „das Monster“ macht eine Entwicklung durch, übernimmt mitunter mehr Verantwortung als sein Schöpfer – und wenn es diesem „nur“ den Spiegel seiner Taten und Geisteshaltung vorhält.

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Daten

So manches der dystopischen Vorstellung in der Welt in 45 Jahren – totale Überwachung aller Bürger_innen – ist heute schon (teilweise) Realität bis hin zu dem in China in einigen Regionen derzeit getesteten Social Credit System. Viele, die meisten Daten geben wir mit jedem Einschalten unserer Smartphones, mit Einkäufen über Kundenkarten usw. „freiwillig“ weiter.

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„Schöne neue Welt“

Auf einer Bühne, die ein wenig wir ein mit Chips und Platinen umgebener Tunnel wirkt, herrscht der alte Alphonse, Victor Frankensteins Vater (Uwe Achilles). Letzterer hat sich nach seinem schiefgelaufenen Experiment dem Alten und seinem System sozusagen als CEO angedient.

Wer nicht für das System in „New Geneva“, der neuen schönen Welt nach der Klimakatastrophe, ist, wird ins Abseits, in düsterste Wildnis abgeschoben. Die allerdings auch den Vorteil hat, (noch) nicht total überwacht zu sein.

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Widerstand

Weshalb sich auch schlaue widerständische Köpfe wie unter anderem Justine, Victor Frankensteins Schwester (Christina Constanze Polzer), hierher durchschlagen. Bei ihnen landet auch „das Monster“, das die große Widerstandsaktion durch naive Tollpatschigkeit zu gefährden droht. Gut für die Dramaturgie, denn wenn alles glatt gehen würde … ;) Im Widerstand gegen die Herrschaft der totalen Überwachung fällt auch der wunderbare Spruch von Hanna Arendt: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“.

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Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Frankenstein
nach Mary Shelley
von Clemens Pötsch
ab 11 J., ca. 2 Stunden

Victor Frankenstein: Jürgen Heigl
Das Monster: Stefan Rosenthal
Justine Frankenstein, Victors Schwester: Christina Constanze Polzer
Elisabeth Lavenza, Victors Freundin: Eva Dorlass
Alphonse Frankenstein, Victors Vater: Uwe Achilles
Del / Lieutenant Kirwin: Rafael Schuchter
Dr. Walton: Daniel Jeroma

In weiteren Rollen: Ensemble

Regie: Felix Metzner
Bühne: Andreas Lungenschmid
Kostüme: Andrea Bernd
Licht: Lukas Kaltenbäck
Kampfcoach: Martin Woldan
Dramaturgie: Gerald Maria Bauer
Assistenz und Teilinspizienz: Clemens Pötsch
Zweite Regieassistenz: Kyra Lisa Peters
Teilinspizienz: Eva Maria Gsöllpointner

Aufführungsrechte: Theater der Jugend, Wien

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Wann & wo?
Bis 22. Juni 2019
Theater im Zentrum, 1010 Wien, Liliengasse 3

Telefon: (01) 52110-0
www.tdj.at

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