Kiknder der VS Mayerweckstraße zeigen dem Kinder-KURIER die Paneele, die (ein bisschen) Schlall schlucken

© Heinz Wagner

Kiku
11/18/2019

Wo ist’s am lautesten und was kann man dagegen tun

Lernen mit weniger Lärm: Projekte des Umweltdachverbandes in 16 Schulen und Kindergärten Österreichs. Diese Woche Konferenz.

von Heinz Wagner

Fabio, Patricia, Oliver und Milena zeigen neben den metallenen Spinden im Erdgeschoß ihrer Schule in Richtung Decke. Dort hängen gelbe und blaue Walzen. Und die haben etwas mit einem Projekte ihrer – und rund eineinhalb Dutzend weiterer Schule zu tun.

Die Walzen sollen ein wenig Lärm schlucken. Solcher entsteht einerseits durch die Türen von Metallspinden und ebenso klarerweise gerade in der Früh, wenn alle Kinder in der Schule ankommen, Schuhe und Obergewand ausziehen …

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Zumindest eine merkt’s deutlich

Naja, viele leiser ist es nicht geworden, meinen die vier Kinder in der Mayerweckstraße (Wien-Floridsdorf), der Praxis-Volksschule der Katholischen Pädagogischen Hochschule Strebersdorf. „Ich merk das schon sehr, dass es da jetzt viel leiser geworden ist“, sagt Anneliese Weber. Sie ist die Schulwartin, die gleich ums Eck neben der Eingangstür „logiert“ und damit die ganze Zeit die Geräusche der Garderobe vernimmt.

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Stressfaktor

Die – ein wenig – Schall schluckenden Paneele sind Folge eines Projektes des Umweltdachverbandes mit Schulen „Lernen ohne Lärm“. Nein, es ginge nicht darum, dass Kinder still sein müssen, so die Projektleiterin Anna Streissler zum Kinder-KURIER. Aber Lärm im Sinne von Schall, der die Betroffenen – Kinder und Pädagog_innen - stört oder sogar schädigt, könne zu einem Stressfaktor bis hin zu Gesundheitsbelastung werden. Dass „Lernen ohne Lärm“ als „LoL“ abgekürzt werden kann, sei schon auch ein Kriterium bei der Auswahl des Titels gewesen, gesteht die Projektleiterin.

Bei dem österreichweiten Projekt sollen Kinder, Jugendliche, Pädagog_innen, anderes Schulpersonal, Schulärzt_innen und Architekt_innen für die Lärmproblematik sensibilisiert werden. Außerdem sollen Beispiele ausgearbeitet werden, wie belastendes Lärmaufkommen in Schulen und Kindergärten durch raumakustische, organisatorische und soziale Maßnahmen verringert werden kann.

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Forschendes Lernen

In der Mayerweckstraße erzählen die vier genannten Kinder dem KiKu in der Direktion der Schule, „zuerst haben wir bei einem Ateliertag gefragt, wo es für die Kinder in der Schule unangenehm laut ist“. Ungefähr 50 der rund 260 Kinder der Schule haben den Fragebogen ausgefüllt. Daraus haben die Kinder dieses Ateliers mit Klebepunkten ein Diagramm erstellt. Besonders unangenehm war es in der Garderobe – und im Speisesaal. Andere Kinder haben auch Zeichnungen zum Thema angefertigt.

Bei uns in der Klasse haben wir eine Klangschale. Wird die einmal geschlagen, sollen alle leise sein, bei zwei Mal beginnt eine Pause und bei drei Mal setzen wir uns in einen Sesselkreis“, erzählen die vier eingangs genannten Kinder.

Es gab aber auch Lärmmessungen, die Kinder der Schule haben sich im Sachunterricht mit dem Ohr und wie es funktioniert, beschäftigt. Und letztlich sollte auch was Konkretes passieren. „Ursprünglich wollten wir im Werkunterricht schallschluckende oder –dämmende Dinge bauen“, so Direktorin Ilse Bailicz zum KiKu, „aber das ging dann wegen des Brandschutzes nicht, deswegen mussten wir bei einer Firma, die darauf spezialisiert ist, die Paneele bestellen.“

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Konferenz

Diese Woche findet die Veranstaltung „Stille - Das tut gut“ (20. November 2019 im Umweltbildungszentrum Steiermark) und eine Konferenz „Lernen ohne Lärm – Wege zu leiserem Lernen und Leben in Kindergärten und Schulen“ im Gymnasium Karajangasse (Wien-Brigittenau) statt. Dort stellen sich die Projekte aus Schulen und Kindergärten vor, außerdem sind Projektpartner mit vielen Informationen dabei.

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Weitere Beispiele

Die schon weiter oben erwähnte Projektleiterin des Umweltdachverbandes, Anna Streissler, nannte vor allem das sehr umfangreiche Projekt der Praxis-Volksschule der PH Steiermark als Vorzeigeprojekt. Dort wurden im Altbauteil mit seinen hohen Räumen in jeder Klasse über ungefähr ein Drittel der Fläche jeweils eine Galerie aus Holz gebaut. Damit wurde nicht nur zusätzlicher Raum geschaffen, sondern auch die Nachhallzeit des Schalls verringert. Außerdem wurden ein paar andere kleinere Räume umfunktioniert zu „Lernbüros“, in denen Kinder zu zweit konzentriert in Ruhe arbeiten können. Auf Teilen der Gänge wurden ferner Teppiche gelegt und Tische aufgestellt und so zusätzliche Lernräume geschaffen. Kinder-Yoga, Einbeziehung von Klassenräten und Kinderparlament, Vertrauens- und Achtsamkeitsspiele sowie Freiluftklassen runden dieses Projekt zur Lärm-Verringerung ab.

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Aufnahme in den Lehrplan

In der Höheren Lehranstalt für Wirtschaft und Mode Klagenfurt, in der sich ein Ausbildungszweig den Themen Gesundheit und Soziales widmet, wurde Lärmprävention sogar in den Lehrplan aufgenommen. In den naturwissenschaftlichen Fächern, aber auch interdisziplinär ist Hören und Lärmvermeidung nun wichtiger Unterrichtsstoff.

In der neuen Mittelschule Rohrbach, die mit der Polytechnischen und der Musikschule zu einem neuen Schulzentrum wurde, sind für den Umbau Fachleute aus dem Bereich Akustik einbezogen worden.

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Bund/Länder/Gemeinden …

Anna Streissler merkte auf die KiKu-Frage, wieweit Erkenntnisse der Projekte in Schulbauten Eingang finden noch an: „Schulbau ist in Österreich je nach Schultyp Gemeinde-, Landes- oder Bundessache. Der nachträgliche Einbau von Schallschutzdecken und -paneelen ist einerseits eine finanzielle Frage, andererseits eine Sicherheitsfrage (Brandschutz).

In der Gemeinde St. Ulrich/Greith wurden z.B. im Rahmen des Projekts relativ unkompliziert Gemeindegelder locker gemacht, damit zwei Klassenräume eine Schallschutzdecke bekommen.  Diese zwei-Klassen-Volksschule in der Steiermark hat außerdem im ersten Projektjahr mit einer Theaterpädagogin, im zweiten Jahr mit einer Pantomimin Theaterstücke erarbeitet, bei denen es um Lärmprävention ging.

Die haben auch organisatorische Veränderungen vorgenommen, z.B. fixe Lesepartner für die Frühlesephase ausgemacht, wodurch es zu weniger Konflikten kam. Auch die Jausen-Situation wurde umorganisiert, damit die Jause ruhiger abläuft und diejenigen Kinder, die nach 15 Minuten fertig sind, ins Freie gehen dürfen.

In einigen Schulen wurden schallreduzierende Raumelemente nach der Bauanleitung (die auch den Brandschutz berücksichtigt) von unserem Projekt-Akustiker Dr. Weiß-Bouslama gebaut, z.B. an der HLW Krieglach.

Zur kreativen Gestaltung von Lärmschutzpaneelen: Bei unserer Projektmesse ist u.a. Katharina Zima, eine Künstlerin, die abseits von unserem LOL-Projekt in der VS Weiden (Burgenland) kreative Paneele gefilzt hat mit Motiven, die zum Neusiedlersee passen und die auch bereit ist, in anderen Schulen ähnliche Workshops durchzuführen.“

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