Szenenfoto aus "Jenseits von wirklich"

© Rainer Berson

Kiku
10/12/2019

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

„Jenseits von wirklich“ - gedankenverspieltes philosophisches Stück von „Theater Foxxfire“ im Dschungel Wien.

von Heinz Wagner

„Ich will das Echte!“ Vier junge Leute machen sich auf die Suche nach der Wahrheit, der absoluten. Nach dem wirklichen Leben … Philosophisch und doch irgendwie auch verspielt nähern sich die Schauspieler_innen in „Jenseits von wirklich“ diesen und damit zusammenhängenden Fragen.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Das ist schon bei Kinderunis eine immer wieder kehrende und sehr beliebte Lehrveranstaltung für junge und jüngste Studierende.

Fake News ...

... ist zum geflügelten Wort geworden. Die einen bezeichnen damit erfundene, verfälschte oder zumindest so unvollständige Nachrichten und Meldungen, dass die Wahrheit verdreht wird. Andere beschimpfen damit seriös und akribisch recherchierte Berichte – nur weil sie ihnen nicht in den Kram passen. Wohl bekanntestes Beispiel für Letzteres ist jener Donald weltberüchtigt, der als Trump in den USA Präsident wurde. Und das übrigens, obwohl er weniger Stimmen hatte als seine demokratische Gegenspielerin, Hillary Clinton. Ihm half das Wahlsystem mit seinen Wahlmännern und die Verteilung dieser auf die verschiedenen US-Bundesstaaten.

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Soll ausschauen wie Holz oder eh nicht...

Das Spiel von Enia, Solveigh, Manuel und Alvis (wie Älvis ausgesprochen) läuft schon vor und inmitten einer klassischen Fake-Kulisse ab: Verschiebbare und aufziehbare Rollos, die den Eindruck von Holzwänden – samt Steckdosen – vermitteln wollen/sollen. Abgesehen von einer vielleicht ein wenig zu statisch geratenen Anfangspassage, in der die vier das Publikum ein wenig frontal zutexten, gestalten sie die dann folgende knapp mehr als eine Stunde auch spielerisch – immer wieder auch mit tänzerischen Elementen – spannend. Die vier suchen nach dem was sie absolute Wahrheit, wirkliches Leben nennen, schließen sich zu einer Art verschworenen Gemeinschaft zusammen. Sie benamsen sich nach einem recht komplizierten Gesetz aus der Quantenphysik über Elektronen, die Wellenfunktion der Teilchen und die Nicht-Unterscheidbarkeit identischer Teilchen, dem Pauli-Prinzip.

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Unterschiedliche Persönlichkeiten

Trotz des gleichen Ziels haben wir es mit vier komplett verschiedenen Persönlichkeiten zu tun. Da ist die Blitzgscheite zutextende und doch nie wirklich klugscheißende Enia, gespielt von Duygu Arslan – der wir die „Pauli“-Geschichte verdanken. Hannah Stadler gibt in der Solveigh eine zurückhaltende, fast verschlossene Jugendliche. Im Gegensatz dazu spielt Onur Poyraz als Alvis DEN Darsteller. In häufig, mitunter blitzschnell wechselnden Gewändern, immer wieder mit clownesken Zügen mit Macho-Anflügen will er ein heftiges Experiment starten. Schließlich erklärt sich allerdings der irgendwie schüchtern-streberhaft spielende Benedikt Häfner als Manuel allerdings zu einem Versuch bereit, der noch viel krasser ist, pardon „greller“ wie die Crew immer wieder sagt als wäre es das super-neue In-Wort nach mega-nice, das das alte und noch immer präsente cool abgelöst hätte.

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Experimente

Spät, aber ziemlich präsent tritt als fünfte im Bunde glitzernd und lasziv eine geheimnsiumwitterte und furchtbar böse Erwachsene namens Charlie (Felicitas Lukas, die schon viel zu lange nicht mehr auf Bühnen zu sehen war) in Erscheinung. Als angebliche Besitzerin der Location, in der die vier einander treffen, provoziert sie diese, mit einem Experiment die Wirklichkeit zu prüfen. Ein Gerücht in die Welt zu setzen, es zu befeuern und zu schauen, wie sich das in der Realität auswirkt: Vergiftung in einer Schulkantine. Manuel opfert sich vermeintlich und verschwindet...

Auf ein noch viel „grelleres“ Experiment zwischen Leben und Tod lässt sich letztlich Solveigh ein.

Charlie und Alvis basteln auch an einem weiteren Versuch – oder existiert Charlie gar nicht und steht nur für die Überprüfung der Wahrheit?

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Weiter spinnen

Auch wenn so manches im Spiel der fünf intensiv diskutiert, die eine oder andere angerissene Geschichte aufgelöst wird, scheint es Ziel des Stückes (Text: Alexandra Ava Koch, die auch mit Richard Schmetterer Regie führte) zu sein, Fragen aufzuwerfen, die so manche der Besucher_innen vielleicht nachher noch weiter spinnen.

Fake im Spiel um Fake

Hoffentlich hinterfragen sie dabei den aufgeworfenen, mehrfach genannten aber nie ausgeführten sogenannte „Mandela-Effekt“. Der erinnert eher an eine auch in die Welt gesetzte Fake-News. Angeblich hätte so um 2009 herum eine Gruppe von Menschen gedacht, Nelson Mandela wäre schon in den 80er Jahren in der Gefangenschaft gestorben. Doch wer wüsste nicht, dass er doch nach jahrzehntelanger Gefangenschaft mit Überwindung der Apartheid (Rassentrennung) der erste schwarze Präsident des neuen Südafrika gewesen wäre. Oder an die Fake-Gebärdenübersetzung anlässlich seines Begräbnisses (2013).

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Jenseits von wirklich
Theater foXXfire!
Ab 13 J.; 70 Minuten

Autorin: Alexandra Ava Koch
Regie: Richard Schmetterer, Alexandra Ava Koch
Es spielen:
Enia: Duygu Arslan
Manuel: Benedikt Häfner
Charlie: Felicitas Lukas
Älvis: Onur Poyraz
Solveigh: Hanna Stadler

Dramaturgie: Sandra Feiertag
Ausstattung: Karoline Hogl

Wann & wo?
Bis 17. Oktober 2019
27. bis 30. Jänner 2020
Dschungel Wien: 1070, MuseumsQuartier
Telefon: (01) 522 07 20-20
www.dschungelwien.at

http://www.theaterfoxxfire.at/