Elena Sarto

© Benjamin Thomes

Kiku
03/03/2020

Wenn Worte zu Flügeln werden …

U20-Poetry-Slam-Landesmeisterschaft Wien/ Niederösterreich/ Burgenland im Dschungel Wien.

von Heinz Wagner

Ein Lehrer lässt immer nur Mädchen die Tafel putzen. Dafür putzt er sie herunter, zu nichts Anderem fähig zu sein. Ein anderer beugt sich über eine Schülerin, so dass er sie immer berührt. Eine Schülerin, die deswegen Angst hat, mit ihm allein in einem Raum zu sein. Ein Fahrlehrer, der der –Schülerin sagt, sie solle sich doch lieber einen Freund suchen, und sich von dem kutschieren lassen. Eine Prüfungskommission, deren Vorsitzender meint, die eine Schülerin müsse man durchlassen, weil sie ja so einen kurzen Rock anhatte. … Nein, keine Schilderungen aus einem Roman der 60er, 70er oder noch früherer Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts. Es sind – deutlich besser und griffiger formuliert – Szenen aus dem nicht ganz fünfeinhalb-minütigen Text mit dem Titel „Daily Sexism“ (täglicher Sexismus), mit dem Elena Sarto aus Tulln am Wochenende die U20-Poetry-Slam-Landesmeisterschaft Wien/Niederösterreich/Burgenland gewonnen hat. Und wie sie dem Kinder-KURIER danach versichert, „Echte Erlebnisse von Freundinnen aus jüngster Zeit“.

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Niederschmetternd. Aber gut, dass eine junge Literatin dieses Forum nutzte, um auf solche Missstände aufmerksam zu machen. Und dass der mit überwiegend jungen Leuten vollbesetzte große Saal im Kinder- und Jugendtheaterhaus Dschungel Wien im MuseumsQuarter das mit kräftigem Applaus bedankte. Auch die – wie bei diesen Events üblich zufällig zusammengewürfelte Jury vergab die meisten Punkte für die Tullnerin. Wenngleich nur äußerst knapp. Sie kam auf 44,8 Punkte, der Zweitplatzierte, Gabo, auf 44,4 – inklusive einem der beiden 10-Punkter des Abends. Er trug eine höchst vergnügliche Schilderung eines Anstellungs-Fiaskos mit seiner Familie beim Pariser Eiffelturm vor.

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Respect!

Übrigens: Bei diesen Events zählen, selbst wenn es sich wie in diesem Fall um eine Meisterschaft handelt, Dichtkunst und Performance weit mehr zählen als der Bewerbsgedanke.

Themenvielfalt

Zeitdruck (Nefeli), Druck, gefallen zu müssen und vor allem, was darunter zu verstehen ist (Einfach nur Laura), eine Katze als kurioses Raubtier, die raubt dir den letzten Nerv (Annalena Schuh), das Gefühl ein nicht aufpoppendes Popcorn zu sein (BraVe), heftiges Unwohlsein über frauenfeindliche Texte von Deutsch-Rappern (Paula Lou) sowie der Bogen von der Anhimmlung eines Jungen bis zur Erkenntnis ganz schön spannend ohne diesen leben zu können (Shafia Khawaja) spannte sich der Bogen der Texte der Teilnehmer_innen.

Dennoch zurück zur Regionalsiegerin, die damit das Ticket für die österreichische Meisterschaft gewonnen hat, die heuer im benachbarten Ausland, im italienischen Südtirol stattfinden wird, so Corona will.

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Bisher Romane ...

An Poetry Slams nimmt die 20-Jährige aus dem niederösterreichischen Tulln erst seit einem Jahr teil. Texte verfasst sie aber schon seit Langem. „Bisher hab ich eher Bücher geschrieben, Fantasy-Romane“. Veröffentlicht wurde zwar bisher noch keiner, aber Schreiben mag sie schon ewig. „Zu Poetry Slams bin ich ganz zufällig gekommen, mit Freunden einmal mitgegangen. Gehört davon hab ich schon vorher.“ Hürde für eine eigene Teilnahme war nicht die Vorgabe, deutlich viel kürzerer Texte als sie es bis dahin gewohnt war, sondern „das Auftreten vor Publikum,“, davor hatte sie ziemlichen Bammel. „Ich hab geglaubt, ich schaff das nicht, kurz vor dem ersten Auftritt hab ich Angst gehabt, ich werd ohnmächtig.“

Jeder Auftritt – vor allem die positive Reaktion des Publikums – macht sie natürlich selbstsicherer. Und vor „Publikum“ auftreten in ganz anderer Form ist auch ihr Berufsziel. „Ich studier auf Lehramt Englisch und Psychologie/Philosophie. Ich will Lehrerin werden, weil ich was in der Schule verändern will. Damit so was wie ich‘ in meinem Text schildere – und das sind alles echte Erlebnisse – nicht mehr vorkommt. Und ich will dann in der Schule auch viel gegen Mobbing machen.“

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Was verändern wollen

Das ist übrigens auch für einen anderen Starter bei der Landesmeisterschaft das Motiv für seinen Berufswunsch, zu unterrichten. Dem Moderationsduo des Abends, Adina und Simon gegenüber meinte „LöLüBär“ – viele Slammer_innen wählen sich Künstler_innen-Namen, manche wechseln die auch bei jedem Auftritt – als erstes zwar, „weil ich gut erklären kann und ein Klugscheißer bin“, schob dann aber nach „ich bin gemobbt worden und als Lehrer will ich dann Mobbing bekämpfen“.

Eng begrenzte Freiheiten

Zurück zur Regionalmeisterin. Ihr Text der ersten Runde beim Contest hieß „Emma oder das Subway-Paradoxon“. Du kannst frei wählen darf dann doch nur aus eng begrenzten Vorgaben stattfinden – und das wandte die Texterin/Rednerin dann auf so manche andere, viel gravierender Felder des (gesellschaftlichen) Lebens an. „Ich hab aber auch schon einmal einfach einen Text über meinen Kater geschrieben, also nicht immer feministische oder gesellschaftspolitische Themen.“

Als Regionalmeisterin erhielt sie eine Statue einer Figur mit der Aufschrift „words are my wing suit“ (Worte sind mein Flügelanzug), die sie behalten darf und als jährlich weiterzugebenden Wander„pokal“ ein rosa Lätzchen von der Vorjahrssiegerin Elif Duygu Sahan, die zwei starke Texte auch an diesem Abend – einen auf Deutsch und einen auf Englisch – performte. Die Meister_innen versuchen dann jeweils ihren Namen ins Lätzchen zu sticken bevor sie es an die/den Nachfolger_in weitergeben.

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Starter_innen …

… bei der Landesmeisterschaft für Wien, Niederösterreich und Burgenland - und die Slam-Communities, die sie zur Landesmeisterschaft geschickt haben
Nefeli von Textstrom Poetry Slam
Einfach nur Laura –Slam B
Annalena Schuh – Mein erster Slam
BraVe – U20 Slam Dschungel
LöLüBär – Stille Post Poetry Slam
Gabo – U20 WN-Slam 2019
Elena Sarto – Donaudichten Tulln
Paula Lou – Slamfonie Mödling
Shafia Khawaja – Flawless Slam

Die Regionalsiegerin Wien/NÖ/Burgenland 2020

Alle Finalist_innen samt Moderator_innen ..

LöLüBär

Vorjahrsmeisterin Elif Duygu Sahan

Shafia Khawaja

Hintergrund

Poetry-Slams wurden vor mehr als 30 Jahren in Chicago (USA) erstmals erwähnt, bald danach verbreitete sich dieses Format des Dichter_innen-Wettstreits, bei dem der Bewerb allerdings gar nicht im Zentrum steht, schnell weltweit. Die Performer_innen müssen selbst geschriebene Texte vortragen. Es wird ein Zeitlimit – bei der genannten Landesmeisterschaft 5 ½ Minuten - vorgegeben. Da sich alles um den Text und dessen Vortrag dreht, sind keine Hilfsmittel wie Verkleidungen, um sichtbar in andere Rollen zu schlüpfen, zulässig.

Respekt für die Dichter_innen ist ein zentraler Grundsatz – keine Buhs, sondern nur unterschiedlich starker Applaus – bis Getrampel. Zufällig werden aus dem Publikum Juror_innen angefragt, die Punkte – Höchstnote 10,0 vergeben. Oft gibt es zwei Runden – die besten kommen in ein Stechen. Hier gab es in Runde 1 drei 3er-Gruppen. Jene mit den jeweils meisten Punkten kamen ins Stechen.

Laut Wikipedia gilt die deutschsprachige Poetry-Slam-Szene als eine der größten der Welt. 2016 wurden die deutschsprachigen Poetry-Slams in das deutschlandweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.

U20poetryslam.at/

Insta -> U20slamwien

Facebook -> U20poetryslam

Lehrer, die sich von den Beinen von Schülerinnen so

ablenken lassen, dass sie sich nicht mehr auf die Prüfungen

konzentrieren können, sind falsch in diesem Beruf.

 

It’s not about me it’s about you

Making me feel not being part of this of your world

Es liegt nicht an mir, es liegt an dir

Und es hat so lange gedauert, bis ich das verstanden habe

Elena Angelina Sarto

 

 

(in Runde 1 bei der Landesmeisterschaft)

Du kannst werden, was auch immer du willst… aber werd doch mal realistisch.

Ja, Emma, du kannst werden, was du willst

Und du fragst: Kann ich glücklich werden?

Das kommt auf das ausgewählte Menü an

Das haben wir zurzeit leider nicht im Angebot

 

Ignorieren sie dich absichtlich, oder sehen sie dich wirklich nicht?

Dort ganz hinten. Ich sehe dich.

 

Du fragst dich, wieso du dich ständig für oder gegen etwas entscheiden musst.

Du kannst ja schließlich nicht alles haben- aber warum nicht?

 

Es gibt im realen Leben wie bei Subway nur die Möglichkeit, sich innerhalb der vorgegebenen Schranken relativ frei zu bewegen.

Elena Angelina Sarto

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