Hör mal, was sie "sagt" ... ;)

© Markus Sepperer

Kiku
11/16/2019

Wenn Menschen mit Pflanzen gemeinsam musizieren

„Gras wachsen hören“ im Rahmen von Wien modern derzeit im Dschungel Wien zu erleben.

von Heinz Wagner

„Ach, du hörst ja das Gras wachsen …“ ist eine mitunter verwendete ironische Formulierung, um jemanden zu sagen: Irgendwie spinnst du, fantasierst dir was zusammen, was es gar nicht gibt…
Oder doch?
Bei einem „botanischen Konzert“ im Dschungel Wien – im Rahmen von Wien Modern (diesjähriges Motto: Wachstum) – sind tatsächlich echte Geräusche von Pflanzen zu hören. Die von der Musik kommende Gruppe Liquid Penguin Ensemble aus dem deutschen Saarbrücken begann schon vor 15 Jahren in die Welt pflanzlicher Geräusche einzutauchen. Sie vertiefte sich in Forschungen zu diesem Bereich und begann Installationen zu bauen. Mit technischen Hilfsmitteln machen sie Geräusche von Pflanzen für unsere Ohren hörbar. Davon inspiriert spielen sie mit Instrumenten und unterschiedlichen – auch pflanzlichen – Materialien Musik, treten in eine Art musikalischen bzw. geräuschmäßigen Dialog.

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Nicht aus, sondern mit ...

Klar, Pflanzen bilden für viele Instrumente die Basis. Wer Geigen baut, achtet sehr genau, welches Holz zu verwenden ist und wie es geschlägert werden muss. Andere bauen aus Kürbissen oder anderem Gemüse ihre Instrumente. Aber hier geht es um die Geräusche und Töne, die – lebende – Pflanzen von sich geben.

Und so erleben wir in „Gras wachsen hören“ in einem Teil des Theaterraumes, der zu einer Art alter Hörsaal umgebaut wurde, wirkliche Geräusche einer Aloe Vera, mitunter auch Wüstenlilie genannt. An verschiedenen Stellen der Pflanze sind Elektroden angebracht, die die Veränderung von Spannungen in der Pflanze messen – und über eine eines dafür gebaute Vorrichtung sowohl auf einem Laptop-Monitor sichtbar als auch über Lautsprecher hörbar machen.

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Geschichte und Geschichten

Dazwischen werden wahre Fakten etwa über das Blatt-Wachstum als auch ausgedachte Geschichten erzählt. Gemeinsam ist diesen die Laaaaaangsaaaaaamkeit des Pflanzenwachstums, sozusagen ihrer Bewegung. Damit gelingt es dem Quartett den Großteil des Publikums auch ein wenig aus der Hektik des Alltags rauszureißen und in die Stimmung dieser Bedächtigkeit reinzuholen.

Nach dem sozusagen theoretischen Teil, der „Lehrveranstaltung“ mit wissenschaftlichen oder möglichen Erläuterungen, Statistiken und Grafiken – auch über das Wachstum so mancher Besucher_innen – geht’s ab in einen anderen Teil des Theatersaals. Der erinnert ein wenig fast an einen „Dschungel“. Pflanzen in Blumentrögen scheinen mit dem Spiel auf Instrumenten und metallischen sowie hölzernen Gegenständen nun tatsächlich zu einem gemeinsamen Konzert aufzuspielen.

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Zum Angreifen

Über einen alten Kontrabass werden tatsächliche Herkunft und das genaue Alter sowie einige Vorbesitzer geschildert, der Resonanzkörper eines zweiten Kontrabasses ist mit Gras und Pflanzen befüllt. Zwischendurch werden wieder spannende Geschichten ebenso wie ungewöhnliche Fakten über Pflanzen erzählt und einige Exemplare einer australischen Pflanze herumgereicht, die auf gelegentliche Waldbrände angewiesen ist. Nur bei dieser Hitze springen ihre Samenkapseln auf und sie kann sich so verbreiten.

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Nach-/Vor-Denken

Neben dem immer wieder faszinierenden Klang- und Geräusch-Erlebnis, der unglaublichen Geschichten und der Verführung zur Entschleunigung lädt diese Produktion – nicht zuletzt angesichts der Dringlichkeit, den Klimawandel zu stoppen – auch zu grundsätzlicheren (philosophischen) Fragen ein. Gibt es vielleicht das eine oder andere, von dem wir einfach noch zu wenig bis nichts wissen? Oder in der Welt der „Zivilisation“ als angebliche Krone der Schöpfung zu überheblich geworden sind gegenüber der (lebendigen) Natur? So manch „unzivilisierte“ indigene Bevölkerungsgruppe ist uns da wohl im Leben in Eintracht mit der Natur wohl doch um einiges voraus, oder?

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Gras wachsen hören
Ein botanisches Konzert
Liquid Penguin Ensemble (D), Wien Modern & Dschungel Wien
Konzertperformance, ab 12 J., ca. 1 ¼ Stunden

Text, Stimme: Katharina Bihler
Installationen, Perkussion: Marius Buck
Perkussion: Elisabeth Flunger
Komposition, Kontrabass, Elektronik: Stefan Scheib

Technische Entwicklung der pflanzengesteuerten Klanginstallation: Klaus Pahlke
Raum: Hannes Röbisch, Liquid Penguin Ensemble

Basierend auf Liquid Penguins Hörspiel „Gras wachsen hören“ (Saarländischer Rundfunk 2007)

Wo & wann?
Bis 24. November 2019
Dschungel Wien: 1070, MuseumsQuartier
Telefon: (01) 522 07 20-20
www.dschungelwien.at

https://wienmodern.at

www.liquidpenguin.de