Kiku
16.06.2018

Wenn Gedenken aktuell und lebendig wird

Stationentheater „Arash//Heimkehrer“ schlägt Brücke zwischen 1938 und Umgang mit Flüchtlingen heute. KiKu-Probenbesuch.

Eine spür- und erlebbare Klammer zwischen den Jahren ab 1938 und dem aktuellen (Gedenk-)Jahr (daran) schafft ein Stationentheater durch Teile der Leopoldstadt, des zweiten Bezirks von Wien: Arash//Heimkehrer ist ein Stück, das der iranisch-österreichische Autor Amir Gudarzi für die Bühne geschrieben hat.
Arash, die Hauptfigur, ist aus dem Iran geflüchtet, landet in Wien-Leopoldstadt in einer Wohngemeinschaft sogenannter Bobos. Was, so fragt er sich, haben die kleinen glänzenden, in den Boden vor Häusern eingelassenen quadratischen Platten mit Namen und Jahreszahlen („Stolperstein“, „Steine der Erinnerung“) zu bedeuten?

Begeh- und erlebbar

Die junge Theatermacherin und -aktivistin Natalie Ananada Assmann machte daraus in der Uraufführung des Stücks die nunmehrige – mit dem Ensemble gemeinsam entwickelte - Stationenversion zu Orten im zweiten Bezirk, von denen in der Nazizeit Jüdinnen und Juden vertrieben und/oder in den Tod getrieben wurden. Der Geflüchtete, den es in dieser Version gleich drei Mal gibt, um gleichzeitig drei Gruppen – zeitversetzt - das Stationentheater erleben zu lassen, trifft auf Geister von Menschen, die nicht mehr flüchten konnten.

Einige davon werden – von Musik untermalt – in einem der Audiofiles genannt. Immer wieder hören die mitgehenden Besucher_innen auf der Tour durch den zweiten Bezirk, unter anderem in der Tempelgasse, über Kopfhörer zuvor aufgenommene Einspielungen. Sie ergänzen das Spiel der Begegnung von Arash – übrigens spricht einer der drei Farsi, ein anderer Arabisch und der dritte Hebräisch – mit den vor seinem geistigen Auge lebendig werdenden Jüd_innen, die in den Tod geschickt wurden.

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„Banalität des Bösen“

Arash trifft aber auch auf ein kleines Mädchen - abwechselnd von Matilda Themel bzw. Tara Ludescher gespielt - das die Historikerin, politische Theoretikerin, Journalistin und Hochschullehrerin Hannah Arendt, darstellt, die rechtzeitig bereits 1933 vor den Nazis in die USA flüchten konnte. Sie hatte die totalitäre Herrschaft des Faschismus analysiert und Schlüsse daraus gezogen, u.a. von der „Banalität des Bösen“ oder „Niemand hat das Recht zu gehorchen!“

Arendt hat sich – nicht zuletzt aufgrund der eigenen Erfahrung auch mit Flucht beschäftigt. „Flüchtlinge kennt die Europäische Welt seit der Antike und das Asylrecht galt als heilig seit den frühesten Anfängen politischer Organisation. Es besagt, dass dem Flüchtling, der dem Machtbereich eines Staates entkommen war, sich automatisch der Schutz eines anderen staatlichen Gemeinwesens öffnete, wodurch verhindert wurde, dass irgendein Mensch ganz rechtlos wurde und ganz und gar außerhalb aller Gesetze zu stehen kam.“

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Suche um Hilfe

Eine der Szenen spielt sich im Hinterhof des Odeon-Theaters im Erdgeschoß ab, einer abgefuckt wirkenden Location. Am Rande spielt eine Band, als wäre sie aus 1938 übriggeblieben und würde ewig so weiterspielen und -singen. Da und dort tanzen Pärchen, aus einer Art Dachbodenmansarden ertönt ein Streit, Stimmen- und Sprachengwirr, mehrere Menschen flüchten vor Verfolgung, versuchen sich trotz sprachlicher Barrieren Hilfe von wem auch immer zu erfragen, erbitten bzw. zu erkaufen. Auf der Bühne löffeln eine Frau und ein Mädchen (Hanna Arendt) Suppe.

Donaukanal

Danach geht’s wieder zurück in Richtung Theater Drachengasse. Davor beobachtet das Publikum von der Brücke aus eine Szene am Ufer. In einem abgegrenzten „Spielfeld“ werden die drei Arash von einem auf lässig machenden Fremdenpolizisten verfolgt – aus den Kopfhörern ertönt Musik und Gesang – „du schaust nicht aus wie wir, du bist nicht willkommen hier“. Widerstand der Umstehenden gibt es nicht wirklich – auch wenn im Feld „No deportation!“ (keine Abschiebungen) steht, höchstens Ansätze von Hilfe von Verletzten.

Zurück im Theater hält das jeweils spielende Mädchen inmitten einer schummrigen Disco-Atmosphäre eine Arendt-Rede, die mit dem oben genannten Zitat beginnt und mit folgendem Satz endet: „Denn tatsächlich leben wir in einer Welt, in welcher bloße menschliche Wesen schon eine geraume Weile nicht mehr existieren. Die Gesellschaft hat mit der Diskriminierung das soziale Mordinstrument entdeckt, mit dem man Menschen ohne Blutvergießen umbringen kann.“

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Multikulturelles Ensemble

Die Regisseurin engagierte nicht nur für die drei Arash-Darsteller Schauspieler mit unterschiedlichen Erstsprachen, sie achtete auch darauf, noch eine Menge weiterer Sprachen und Kulturen im Ensemble dieses engagierten Stücks zu haben, das eine Brücke vom Gedenken an Vergangenes zur aktuellen Gegenwart schlägt: Polen, Deutschland, Schweiz, Israel, Iran, Syrien, Italien, Türkei und Österreich, wo die meisten der Mitwirkenden auch leben.

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Infos: Was? Wer? Wann? wo?

ARASH // Heimkehrer
von Amir Gudarzi
Stationentheater-Projekt im 2. Bezirk & Gastspiel am Theater Drachengasse
2 1/2 Stunden

Regie: Natalie Ananda Assmann
Darsteller_innen:
Arash (mal 3): Alirezah Darynanvad, Johnny Mhanna, Or Alexander Pearl
Hannah Arendt (abwechselnd): Matilda Themel/Tara Ludescher

Weitere Figuren: Elias Burckhardt, Monica Anna Cammerlander, Stanislaus Dick, Lisa Kärcher, Agnieszka Salamon, Florian Stohr, Denise Teipel, Adva Levi
Band: Baharak Abdolifard, Gilbert Medwed, Stojan Vavti

Produktion: Aurelia Burckhardt
Beratung: Barbara Staudinger

Wann & wo?
Previews: 18. & 19. & 20 Juni 2018
Premiere: 21. Juni 2018
Weitere Vorstellungen: 22. & 23. & 26. & 27 & 28. Juni 2018
Start: 19 Uhr beim Theater Drachengasse /Fleischmarkt (1010), anschließend Stationen in der Leopoldstadt, am Donaukanal und Abschluss im Theater Drachengasse

http://www.drachengasse.at/
Trailer

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