Kiku
03/13/2019

Wenn der Spielraum eng und enger wird

Alireza Daryanavards Stück „Ein Staatenloser“ über sein Leben als Schauspieler im Iran und seine Flucht nach Österreich.

Eingeengt von Baustellengittern und zwei Spiegeln, beginnt Alireza Daryanavard zu Hintergrundgeräuschen, die von einer Demonstration stammen könnten, zu agieren. Aus dem Off wird er befehlstonartig angeherrscht: Naaameee!!! Kaum hat er den Vornamen genannt, Gebrüll nach dem ganzen Namen. Und als er auf Staatsangehörigkeit Iran sagt, wird’s heftig, denn der Befrager will „natürlich“ den offiziellen Namen „Islamische Republik Iran“ hören.

In einer Stunde spannt der Darsteller – genial begleitet von heftigen, teils schrägen Tönen des Livemusikers Klaus Karlbauer, einen Bogen von seinem Leben, seinem Widerstand im Iran, seiner Flucht – zunächst in die Türkei und dann nach Österreich. Konstante: Schauspiel einerseits und Kampf gegen autoritäre Herrschaft und Tendenz andererseits. Und so wiederholt sich bei der Asylbehörde in Österreich mehr oder minder das Verhör vom Beginn, jetzt halt mit der Frage nach dem Herkunftsland und Fluchtgründen.

Jede der unterschiedlichen Stimmungen begleitet der Musiker auf einer mit E-Gitarrensaiten bespannten Zither sowie einer liegenden E-Gitarre mit Schlägen, Geigenbogen und vor allem verzerrt über ein Tablet.

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Sein Leben

Alireza Daryanavard, geboren auf der Insel Khargh bei der Hafenstadt Buschehr (bekannt für sein AKW), entdeckte schon als Kind seine Leidenschaft für Theater und Schauspiel, begann eine Ausbildung, spielte schon als Jugendlicher eine Hauptrolle in einer TV-Serie, wurde später auch ein bekannter TV- und Radio-Moderator.

Fragen ist gefährlich

Gleichzeitig aber stellte er in der Schule Fragen, etwa danach, warum jeden Morgen skandiert werden müsste Tod den USA, Tod England, Tod Israel. „Warum hassen wir so viele Länder? Warum hassen überhaupt Menschen andere Menschen?“, wie er im Stück schildert. Der Lehrer verwies ihn der Schule und meinte es wohlwollend, der hätte auch die Polizei holen können.

Einfach aus Neugier und Wissbegierde kam er immer mehr in Konflikt mit dem Regime. Je eingeschränkter sein Leben und Wirken wurde, desto mehr spannt er im Spiel weiße Bänder zwischen den Baustellengittern. Bewegungsfreiheit tendiert gegen Null.

Sesamin

Heimlich fuhr er – jeweils 18 Stunden - mit dem Bus nach Teheran, um einen privaten Kurs in Method Acting zu absolvieren. Gemeinsam mit Freunden mieteten sie in Buschehr einen Keller – offiziell als Lager – und spielten im Untergrund: Sesamin (Untergrund). Bei dieser Erzählung schminkt sich Alireza Daryanavard weiß und spielt eine Szene – auf Farsi (Persisch) von MacBeth, eines der Shakespeare-Dramen rund um Macht und Tyrannei. Der Keller fliegt auf, weil der Vater eines mitwirkenden Freundes die Polizei verständigte, Daryanavard versteckt sich und flüchtet dann auf Rat der Freunde.

2014 in Österreich angekommen, hatte er noch Glück und bekam innerhalb eines Jahres Asyl. Neben den verhörartigen Fragen, die an den Beginn erinnern – im Österreichteil werden sie durch Beleuchtung zu rot-weiß-roten Bändern -, greift der Solo-Schauspieler aber auch aktuelle zunehmend autoritärer werdende Tendenzen auf und knüpft damit an seine Konstante an: Kampf für Demokratie, Freiheit und Frieden. Aber auch an den Aspekt des Nationalismus in dem er Esra Özmen aka EsRAP einspielt: „Wie viel los wird man eigentlich den Staat, wenn man ein Staatenloser ist? Spürt man dann die Grenzen nicht mehr?“

Tiefgründig

Mit seinem performativen Schauspiel will Alireza Daryanavard aber auch bewusst seine eigene Geschichte durch ihn dargestellt zeigen – als Gegensatz zu so manch gut gemeinten Projekten europäischer Theatermacher_innen, die ab 2015 Flüchtlingsschicksale aufgriffen, manchmal auch Betroffene einsetzten, aber letztlich ihr eigenes Ding machten. Insofern berührt und bewegt diese dichte Stunde auch wirklich – nicht zuletzt auch wegen des Bogens zur Situation hier und andernorts für die er nicht zuletzt symbolisch Müll produziert mit hasserfüllten Schlagzeilen kleinformatiger Gratisblätter. Mist, den -- nicht nur - er wiederum in sich „hineinfrisst“, um sauber zu machen. Sauber machen, bracv sein müssen... - sollten da nciht alle - überall auf dre Welt - wachsam sein?! So die Botschaft des Autors, Schauspielers und Stückes.

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Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Ein Staatenloser
Alireza Daryanavard
Ab 13 J., 60 Minuten

Inszenierung, Text: Alireza Daryanavard
Schauspiel: Alireza Daryanavard
Musik: Klaus Karlbauer

Szenografie: Eleni Palles
Dramaturgie: Barbara Hörtnagl
Künstlerische Beratung: Flo Staffelmayr
Video: Fesih Alpagu

Produktion: Dilan Sengül

Wann & wo?
Bis 13. März 2019
Dschungel Wien: 1070, MuseumsQuartier
Telefon: (01) 522 07 20-20
www.dschungelwien.at

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