Die Maschine und ihre Pflegerin

© Marie Pircher

Kiku
01/14/2020

Wenn der Roboter zum Pflegefall wird…

„ALT. Ein Robotermusical von dem neuen Kollektiv „Bum Bum Pieces“ im Wiener WuK (Werkstätten- und Kulturhaus) wirft Fragen rund um Pflege auf.

von Heinz Wagner

Nicht selten werden Verhaltensweisen oder Zustände durch eine Verdrehung, Verkehrung der Verhältnisse viel deutlicher. Offensichtlicher wurden wohl selten zuvor oder auch danach überkommene Rollenklischees von Irmtraut Morgner in der berühmt gewordenen Kurzgeschichte „Kaffee verkehrt“ (im Band aus „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz", Aufbau Verlag, DDR, 1974) aufgezeigt. Klassische Situationen in einem Café – nur, dass „typisch“ männliches Verhalten von Frauen und eben umgekehrt ausgeführt werden.

Maschine - Mensch

In „ALT. Ein Robotermusical“ vertauschen Menschen und Maschinen – ansatzweise – ihre rollen. Häufig werden als Ausweg aus dem Auseinanderklaffen von Überalterung in industrialisierten Gesellschaften und Mangel an Pflegekräften Roboter in die Diskussion geworfen. Und ansatzweise eingesetzt. Von der Streichelrobbe bis zum Automaten, die Tätigkeiten bei der Pflege ausführen oder zur Bespaßung eingesetzt werden (sollen).Hier steht im Zentrum des Geschehens eine offensichtlich sehr alte, ziemlich ausrangierte Maschine. Eine Metallkiste mit Greifarm und Ofenrohr-Abzug. Sie steht übrigens auf einem Boden aus Holzbrettern und an manchen Stellen eingegossenen Betonteilen. Offenbar Überbleibsel aus der Vergangenheit des WuK (Werkstätten- und Kulturhaus) als zunächst Lokomotiv- und Maschinenfabrik und später fast 100 Jahre lang höhere technische Schule.

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Pflegefall

Diese Maschine befindet sich offenbar schon in einem Pflegeheim. Victoria Halper spielt die Pflegerin in einem ebensolchen Outfit, muss hin und wieder – und immer mehr – wischen und putzen. PatientIn wird immer undichter. Die Pflegebedürftige will aber auch unterhalten werden. Immer wieder wird dafür ein Monitor aufgedreht, damit die gebrechliche Maschine Videos – über Bagger, andere Greifarme und Maschinen sehen kann. Wird ihr aber zunehmend langweilig. Die fürsorgliche, fast immer gut gelaunte Pflegerin scheint unendlich viel Geduld aufzubringen, selbst wenn beim Kartenspiel der Greifarm – aus Ungeschicklichkeit oder Ärger – die Halterung für die Karten mehrmals zu Boden wirft.

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Inside

Achja, bald scheint klar zu sein, dass die Maschine nicht ferngesteuert wird. In der Kiste, von deren Rändern mit Fortdauer des Spiels Abdeckplatten runterfallen, irgendwo etwas zu pfeifen oder quietschen beginnt …, sitzt ein Mensch. Nora Winkler sitzt auf engstem Raum und bedient über ein Pedal, Hebel und Knöpfe den Greifarm – was sie von innen nur über zwei am Greifarm und dem großen Maschinengehäuse montierte Mini-Kameras auf ihren Mini-Monitoren sieht.

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Live-Musik und -Gesang

Das ist noch nicht alles. Während der rund 5/4-stündigen Performance singt sie immer wieder live zur ebenfalls live gespielten Musik von Manfred Engelmayr (Bass-Ukulele), Robert Lepenik (Ukulele). Die schaffen die Atmosphäre und Stimmung von so etwas wie Gefühlen der Maschine, der wir als Publikum beim körperlichen und mentalen Verfall zusehen.

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Maschine weckt Gefühle

Erfunden hat die ganze Kiste – und damit sind Idee und Schritte zur Umsetzung – ein neues Kollektiv. Das nennt sich Bum Bum Pieces (Simon Windisch und Nora Winkler), kommt aus Graz, ist ursprünglich aus dem dortigen TaO! (Theater am Ortweinplatz) „herausgewachsen“, hat schon als „Planetenparty Prinzip“ etliche Performances entwickelt und will nun in Wien mit unterschiedlichsten Künstler_innen Projekte umsetzen.Neben Regie (Simon Windisch), Schauspiel und Livemusik haben bei der jetzigen Performance, die mit Musical (zum Glück) nichts zu tun hat, vor allem die Erbauer dieser Maschine einen wesentlichen Anteil am Gelingen des Stücks: Stefan Bauer und Andrea Meschik. Bis fast zuletzt hatte vor allem der Erstgenannte noch „herumgedoktort“. Bis dahin hatte auch das ganze Team immer wieder die Befürchtung, dass so manches nicht funktionieren könnte. Doch es tat es. Und wie. Konstruktion, Aussehen und Steuerung des Greifarms lässt immer wieder das Gefühl aufkommen, hier handle es sich um ein lebendiges Wesen – das nach Aufmerksamkeit aber auch Zuwendung lechzt. Sich über den eigenen Verfall ärgert bis zu Selbstzerstörungsanfällen. Das mit der Pflegerin interagiert… Auch wenn man weiß, dass dies von innen von einem Menschen gelenkt wird.

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Umkehrung

Neben immer wieder auch witzigen Szenen, drängen sich Fragen auf: Was, wenn wirklich im Bereich der Pflege bei Mangel an Personal auf Roboter gesetzt wird? Was aber, wenn Roboter selbst altern, pflegebedürftig werden?

Gut oder vielmehr schlecht, noch werfen wir zumeist ganze Geräte weg, weil ein neues (viel) billiger ist, als ein altes vielleicht sogar mit wenig Aufwand zu reparieren. Aber nicht zuletzt im Zuge der Klimaschutz-Diskussion stellt sich sehr wohl die Frage der Ressourcenvergeudung. Und bräuchte es dann menschliches Pflegepersonal für die Pflegeroboter? Und woher nehmen?

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ALT. Ein Robotermusical

Idee & Konzept: Bum Bum Pieces (Simon Windisch und Nora Winkler)
Regie und Video: Simon Windisch

Performance: Victoria Halper, Nora Winkler
Komposition: Manfred Engelmayr, Robert Lepenik
Live-Musik: Manfred Engelmayr (Bass-Ukulele), Robert Lepenik (Ukulele), Nora Winkler (Gesang)

Roboterbau: Stefan Bauer, Andrea Meschik
Dramaturgie und Video: Kai Krösche

Produktion: Siglind Güttler, Bernhard Werschnak

Wann & wo?
15. bis 19. Jänner 2020
jeweils 20:00
WuK (Werkstätten- und Kulturhaus): 1090, Währinger Straße 59
Projektraum

Karten unter
Telefon: 0699/11344312
bum@bumbumpieces.at

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