Kiku
17.05.2018

„Tu ma was! Es gibt viele Möglichkeiten aktiv zu werden.“

50 Jahre nach der 68er-Bewegung: Offene Tage im Dschungel Wien. Was ist dein Anliegen?

Am 15. Mai starteten die Open House Tage im Dschungel Wien, an denen das Theater in einen Raum des Dialogs und der Interaktion verwandelt wird. Etwas, wofür im Dschungel immer sehr viel Platz zu sein scheint, doch an diesen Tagen ist dafür sogar die Tribüne im Aufführungssaal abgebaut worden. Es sind nun nicht mehr nur die Welten der Stücke, sondern auch die persönlichen Welten des Gegenübers, in die man dort durch Gespräche auf Augenhöhe eintauchen kann.

Auch als man am Mittwochabend den Raum betrat, sah man nicht die gewohnten links aufsteigenden Sitzreihen, sondern wurde aufgefordert in einem großen Kreis Platz zu nehmen, in dem bald eine Diskussion begann. Das Thema des Abends war vor allem die Frage, was junge Menschen in der Zukunft brauchen.

Was ist geblieben?

Das Gespräch nahm allerdings in der Vergangenheit seinen Anfang, denn Corinne Eckenstein, die künstlerische Leiterin des Dschungels, begann es mit einer Frage, die für sie auch eine wichtige Anregung für die „offenen“ Tage war. Die Frage, was von der 68er Bewegung, die heuer vor 50 Jahren stattgefunden hat, übriggeblieben ist und was diese für junge Menschen heute bedeutet.

Es schien als hätte Jede/r im Raum, auch die Jüngsten unter den BesucherInnen, Bilder zu dieser Zeit im Kopf, die auf eine Weise zu einem Mythos geworden ist. Bilder von Hippies in bunten Kleidern, starken, lauten Protesten für Liebe, Friede und Freiheit, oder von großen Peace-Zeichen, wie sie auch auf den Plakaten zu sehen sind, die den Raum schmückten. (Sie wurden davor von Kindern und Jugendlichen für den Jugend-Friedens-Preis gestaltet.)

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Persönliches

An diesem Abend sollte schließlich ein noch tieferer und vor allem sehr persönlicher Bezug zu jener berühmten Zeit der Veränderungen und des Umsturzes möglich gemacht werden. Denn die eingeladenen Experten und Expertinnen haben sie zum größten Teil selbst erlebt.

Wie reich ihre Erinnerungen daran sind, bemerkte man schnell, als sie dazu aufgefordert wurden sich vorzustellen und etwas Kurzes zu diesem Thema zu sagen. Denn sich kurz zu halten fiel ihnen schwer. Durch ihre bedachten Worte und manchmal auch nostalgischen Blicke spürte man wie facettenreich und bedeutungsgeladen jene Zeit für sie war.

Ilse Rollett, Direktorin der AHS Rahlgasse, erzählte von ihrer Faszination, die sie empfand als sie in dem kleinen Dorf in der Steiermark, in dem sie geboren wurde, von den ersten unterschiedlichen Protestaktionen erfuhr.

Auch Bruno Aigner, Pressesprecher des damaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer, erzählte wie viel diese Zeit in ihm angestoßen hat. „Ich wurde sehr politisiert und das hat bis heute angehalten.“, lauteten seine Worte.

Mechthild Geyer erlebte diese Zeit zwar nicht persönlich, doch sie sprach darüber, was sie aus der 68er Bewegung, auch in ihrer Arbeit in einem afghanischen Flüchtlingsverein, sowie bei 1BILLION RISING, einer Initiative gegen Gewalt an Frauen, mitnehmen möchte. Vor allem betonte sie dabei die Gefahr von homogenen Gruppen, die sich schließlich gegeneinander wenden und appellierte an die Individualität und persönliche Freiheit. „Sei frech und wild und wunderbar.“, lautete die starke Botschaft, die sie am Ende ihrer Ansprache in den Raum rief, während sie selbst sich voller ansteckender Energie durch den Kreis bewegte.

Der Autor und Essayist Franz Schuh und der Jugendpsychiater Paulus Hochgatterer erzählten schließlich auch von den schwierigen Umständen, die mit den 68ern in Verbindung standen.

So sprach Franz Schuh zum Beispiel über die Gewaltatmosphäre, die damals auch mit den Protesten verbunden war. Paulus Hochgatterer erzählte von seiner Schulzeit. Von LehrerInnen, die SchülerInnen noch geschlagen haben, oder von den Altlasten des 3.Reiches, die im Gymnasium noch für ihn spürbar waren.

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Kleine Runden

Es war als würden jedes Wort weitere Gedanken und Erinnerungen wecken, sodass von der Moderatorin immer wieder die Bitte geäußert wurde, sich noch etwas für die anschließenden Diskussionsrunden in den kleineren Gruppen aufzuheben. Als diese im Anschluss begannen, die ExpertInnen sich im Raum verteilten und die anderen Gäste und Jugendlichen sich immer für Gespräche von 20 Minuten um sie versammelten, zeigte sich schnell, dass trotzdem noch sehr viel zu besprechen blieb.

Der Bogen wurde nun von der Vergangenheit in die Gegenwart gespannt und neben den Erinnerungen lösten unterschiedliche Fragen an die heutige Zeit einander ab.

Ein Thema in einer Gruppe um Mechthild Geyer war beispielsweise die heutige Frage um das Kopftuch, mit Hinblick auf die feministischen Aufstände der 68er Bewegung. „Glaubst du kann man auch mit einem Kopftuch eine Feministin sein?“, lautete die Frage eines jungen Mädchens, woraufhin das Thema auch hin zu westlichen Schönheitsidealen führte. Dazu, ob man beispielsweise das Bedürfnis Make-Up zu tragen, auf ähnliche Weise hinterfragen könnte. Die Jugendliche Paula betonte hier den Gedanken, dass man sich immer fragen sollte, warum man sich zum Beispiel schminkt. Ob man es tut weil es einem Spaß macht, oder weil man sich sonst vielleicht nicht schön oder akzeptiert fühlt.

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Protest heute?

In einer Gruppe bei Ilse Rollett sprach man auch darüber, was heute Protest bedeutet und wofür wir uns engagieren wollen. „Pressefreiheit ist mir besonders wichtig.“, sagte der junge Timur. Ein anderer Junge beschrieb wie überwältigend Demonstrationen für ihn sind, wenn man erst merkt wie viele Menschen dahinter stehen und mitten unter ihnen ist.

Auch das Schulsystem war ein großes Thema. So wurde beispielsweise das Problem zu großer Klassen besprochen und die Tatsache, dass man sich darin manchmal nicht beachtet und ungerecht behandelt fühlt.

Franz Schuh sprach darüber, dass man vergangene Ereignisse, wie auch die 68er Bewegung, aufgrund von Nostalgie manchmal romantisiert und über die traurige Tatsache, dass man nichts aus der Geschichte lernt.

Doch als die Gespräche endeten schien eines klar zu sein; Wie viel man aus Begegnung zwischen unterschiedlichen Menschen und Generationen und dem persönlichen Dialog lernen und mitnehmen kann.

Dies wurde auch in der Abschlussrunde spürbar. Einige Zeit blieb es still. Vermutlich weil es fast zu viele neue Eindrücke waren, die in der Luft lagen. Ein junges Mädchen nannte schließlich einen Satz von Paulus Hochgatterer, der ihr besonders in Erinnerungen geblieben war; Dass Protest sehr wichtig sei, man allerdings aufpassen sollte, dass man nicht auf eine falsche Schiene gerät und dass man Feuer nicht immer mit Feuer bekämpfen kann.

Zukunft

Am Ende war es schließlich die Zukunft, in die sich die Gedanken richteten. Nach diesem Abend, an dem man merken und erahnen konnte wie viele es sind, die Anliegen teilen, sich austauschen und zusammenhalten wollen, spürte man auf eine Weise auch großen Mut und Hoffnung für neue Veränderungen.

Sogar eine baldige Gelegenheit zu demonstrieren wurde genannt. Und zwar am 9. Juni gegen Noten in der Schule. Übrigens startete die Integrative Lernwerkstatt Brigittenau knapp nach den Weihnachtsferien eine Aktion #lernegerne (in den sozialen Netzwerken) und sammelt damit im Internet aber auch analog Beispiele wo Kinder, Jugendliche aber auch Erwachsene eben gern gelernt haben, ohne dafür Noten bekommen zu haben.

„Tu ma was! Es gibt viele Möglichkeiten aktiv zu werden.“, lauteten die starken Schlussworte der Moderatorin Fariba Mosleh, bei denen ein stilles Einverständnis im Saal zu spüren war.

Rosanna Wegenstein, 19