Otmar Weiß, Sportsoziologe der Uni Wien

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Kiku
02/26/2019

Sport und Bewegungen haben nicht den gebührenden Stellenwert

Interview mit einem Sportsoziologen der Uni Wien über die Bedeutung von Sport und Bewegung für Kinder und Jugendliche.

von Heinz Wagner

Otmar Weiß vom Zentrum für Sportwissenschaft der Uni Wien unterrichtet Sportsoziologie, er ist wissenschaftlicher Berater bei Sportanalytik und wertet die Daten aus, die hier gesammelt werden. Seine Forschungsgebiete sind Motivation, Wirtschaft und Kommunikation im Sport.

Welchen Stellenwert hat Sportanalytik in Ihrer Arbeit?
Sport und Kinder sind eines der wichtigsten Themen. Sport spielt nicht nur für die Gesundheit und körperliche Entwicklung, sondern auch für die Persönlichkeitsentwicklung, die Identität bei Kindern und Jugendlichen eine große Rolle.

Wenn Sie das im Laufe der Jahrzehnte vergleichen, hat sich da nicht der Bewegungsspielraum für Kinder und Jugendliche verengt?
Die Welt der Kinder hat sich – wie die aller – verändert. Heute haben wir weniger Bewegung, viel mehr sitzende Tätigkeiten und das wirkt sich auf die soziale, kognitive und persönliche Entwicklung aus. In der Digitalisierung ist es ganz wichtig, Zeit und Raum für auflockernde Bewegungen zu schaffen, als Gegensteuerung zum Sport hinzuführen.

Wobei Kinder und Jugendliche neben der organsierten Sportausübung es ganz dringend brauchen, sich frei und unbeobachtet unter ihresgleichen bewegen zu dürfen, statt fast rund um die Uhr bewacht zu sein.

Es schaut aber eher nach dem Gegenteil aus, gibt es eventuell positive Beispiele?
Wir haben vorgeschlagen, in den Sommerferien Sportstätten für Kinder und Jugendliche freizugeben als Ausgleich für ungesunde sitzende Tätigkeit vor Computern und Fernsehschirmen. Jeder Euro, der in Bewegung und Sport investiert wird, rechnet sich im Hinblick auf die späteren gesundheitlichen Folgekosten von Nicht-Sportausübung.

Gibt es dazu Studien?
Ja, das haben wir berechnet: Nicht-Sportausübung kostet aufgrund von Unfällen und Erkrankungen volkswirtschaftlich viel mehr Geld, als Unfälle und Erkrankungen aufgrund von Sportausübung. Da geht’s vor allem um die Behandlung von Bewegungsmangelkrankheiten, die sind erheblich teurer als die von Sportverletzungen.

Grob und plakativ gesagt ergeben unsere Berechnungen („Auswirkungen von Sport auf die Gesundheit“, Zusammenfassung in ÖAZ/Österr. Ärztezeitung, 10. Mai 2016), dass ein Euro in Sport investiert 5 Euro an Krankheitskosten erspart.

Seit vielen Jahren wird auch die tägliche Turnstunde gefordert, es scheint, als würde in diese Richtung nicht wirklich was weitergehen?
Es wird eine Forderung bleiben. 183 Abgeordnete haben im Nationalrat dafür gestimmt, obwohl alle genau gewusst haben, dass dies völlig unrealistisch ist, weil es nicht genügend Sportstätten und Turnsäle, aber auch nicht genügend Lehrerinnen und Lehrer dafür gibt. Viele Jugendliche haben in den Schulen gar kein Angebot, weil Sport in den Berufsschulen generell abgeschafft wurde. Auch in den Volksschulen gibt es keine geprüften Sportlehrerinnen und -lehrer, und im Kindergarten ohnehin gar nicht.

In den 70er und 80er Jahren gab es eine gewisse Aufbruchsstimmung, bis zum Jahr 2000 ungefähr eine positive Entwicklung, aber ab der Jahrtausendwende erleben wir ständige Rückschritte im Hinblick auf Sportstunden in Schulen. Sport hat nicht den Stellenwert, den er haben sollte.