Autor, Regisseur und Neo-Theaterdirektor Jakub Kavin

© Ernö Mlekov/SchauTV

Kiku
01/27/2019

Sport ist eine Zuspitzung, ein Spiegelbild der Gesellschaft

Jakub Kavin, Regisseur und Leiter von TheaterArche, über das Stück „Anstoß“ mit dem das neue Theater eröffnet wird.

von Heinz Wagner

Wieso hast du zur Eröffnung dieses Theaters ein Sportstück geschrieben?
Sport ist eine Zuspitzung, ein Spiegelbild der Gesellschaft. Im Sport finden die Dinge statt, die dir auch passieren können, aber in einer absoluten Überhöhung des Ganzen. Außerdem ist Sport die größte Show auf der Welt und ich als Künstler find das einfach spannend, mich damit zu beschäftigen, was interessiert das Publikum, wieso schauen sich die Leute Sportübertragungen an, wieso kommen’s ned ins Theater.

Und ich denke, von der Thematik her, war es notwendig, nicht zuletzt wegen der hochgekommene Missbrauchsgeschichte. Ich hatte das Gefühl, dass es gemacht werden muss und außerdem sind die Schicksale sehr, sehr spannend.

Hast du zuerst Themen gesucht, die vorkommen müssen und dann darum herum das Stück gebaut?
Nein, ich arbeite menschen-, nicht textzentriert. Zuerst schau ich, mit welchen Künstler_innen setz ich das Projekt um. Dann schau ich, welche Figuren auch zu denen passen würden. Die Charaktere müssen auch stimmen. Dann überleg ich mir, welche Geschichten will ich mit diesen Charakteren erzählen. Es folgt eine ganz, ganz massive Recherche. Ich hab mich sicher durch 50 Bio- und Autobiographien durchgelesen und noch aus sehr vielen Interviews geschöpft.

Das ist dann eine Collagier-Arbeit, es geht darum, aus dieser Masse an Material einen Bogen zu kreiieren - das ist die dramaturgische Arbeit dahinter.

Mit „Anstoß“ wird ein altes Theater neu eröffnet, warum?
Das ganze Ensemble von TheaterArche ist gerade – neben den Proben - dabei das Theater herzurichten, zu renovieren, umzubauen. Es war von 1984 bis Dezember 2018 das Theaterbrett. Wir übernehmen das – mit einem offenen Konzept. Andere Theatermacher_innen, die vielleicht einen Raum suchen, sind eingeladen, sich das anzuschauen und mit uns zu kooperieren.

Jakub Kavin ist der Sohn der TheaterBrett-Gründer_innen Nika Brettschneider und Ludwig Kavin. Die Mutter ist Ende Juni des Vorjahres gestorben. Jakub stand als Jugendlicher selber auf der TheaterBrett-Bühne. „Der kleine Prinz war eine meiner ersten Rollen - nicht ganz die erste. Als 12-Jähriger hab ich das gespielt, es war ein Riesenerfolg. Das Stück ist sogar zweieinhalb Jahre gelaufen. Ich bin hier in diesen Räumlichkeiten aufgewachsen und mit denen natürlich auch emotional verbunden. Es freut mich sehr, dass sich jetzt hier eine Gelegenheit ergibt, mir mein eigenes künstlerisches Zuhause mit meinen Kolleginnen und Kollegen zu schaffen.

Hattest du nie Phasen, wo du weg wolltest vom Theater?
Zwischen 14 und 16 hatte ich eine Phase, wo ich gesagt habe: Sicher nicht Theater, lieber Juristerei oder Wirtschaft. Aber wenn man so drinnen aufwächst in dieser künstlerischen, kulturellen Umgebung, dann hat’s mich gefangen gehalten bis heute und ich kann mir eigentlich kaum vorstellen, was Anderes zu machen. Also Film oder so schon, aber nicht was komplett Gegensätzliches.

Wie sind deine Eltern zum Theater gekommen?
Die Mutter hat die Schauspielakademie gemacht, den Vater kennen gelernt. Nach der Flucht 1977 haben sie in der Emigration beschlossen, gemeinsam Theater zu machen.
Meine Eltern sind aus der Tschechoslowakei gekommen, wo sie zu den ersten gehört haben, die die Charta 77, eine Menschenrechtspetition unterzeichnet haben. Bruno Kreisky (langjähriger Bundeskanzler, SPÖ) hat damals alle Charta 77-Unterzeichner_innen quasi nach Österreich eingeladen. Sie sind also nicht im jetzt bekannten Sinn geflohen, sondern meine Eltern haben damals einen Ausreiseantrag gestellt und Bescheid bekommen, dass sie bis Ende Juli 1977 die Tschechoslowakei verlassen müssen.

Ich war damals 2 Jahre, habe daran natürlich keine Erinnerung aber an – das hat meine Kindheit geprägt – den eisernen Vorhang, die Mauer. Wir sind öfter zur Grenze gefahren. Beim Hinüberschauen hast du gesehen, wie die tschechoslowakischen Soldaten ihr eigenes Volk bewachen und eigentlich nicht nach draußen schauen - also nicht sozusagen den Gegner beobachten, sondern mit dem Rücken zu Österreich ins Land reinschauen. Ich durfte ja nie einreisen, diese Heimatlosigkeit hat mich schon geprägt, aber ich hab keine Erinnerung an den Moment der Ausreise selber.