Helena Wehner

© schauTV/Selma Taskin

Kiku
05/09/2019

Sie werden von Tag zu Tag aufgeweckter

Interview mit Helena Wehner, Ziehmutter beim Waldrapp-Team, in der Handaufzucht von Waldrapp-Küken.

von Heinz Wagner

Interview mit Helena Wehner, Ziehmutter beim Waldrapp-Team, in der Handaufzucht von Waldrapp-Küken.

Wie kamen Sie zu ihrer Aufgabe als Waldrapp-Ziehmutter?
Ich hab in meinem Geografie-Studium eine Hausarbeit über den Waldrapp geschrieben, bei der Recherche Kontakt zum Team bekommen und hier ein Praktikum gemacht. Für mich ist es heuer das erste Mal, meine Kollegin macht das schon das sechste Jahr.

Warum müssen die Küken von Menschen und per Hand aufgezogen werden?
Das ist ähnlich wie bei dem bekannten Film „Amy und die Wildgänse“. Wenn die Küken schlüpfen werden sie auf ihre natürlichen Eltern geprägt und wissen ihr ganzes Leben lang, wer das ist. In dem Fall ist es so, dass die Küken auf uns - gemeinsam mit ihrer Kollegin Anne-Gabriela Schmalstieg - geprägt werden. Die Küken müssen von ihren Eltern den Weg in das Wintergebiet lernen. Diese Rolle übernehmen wir als Zieheltern, weil ihre Eltern den Weg nicht kennen, nie gelernt haben. Das muss im ersten Lebensjahr erfolgen.

Aber Sie sitzen ja im Flugzeug.
Deshalb tragen wir auch immer die gelben Pullover und T-Shirts. Das ist einfach eine Signalfarbe, die sie erkennen. Und wir haben auch immer einen ganz speziellen Ruf: „komm, komm...“ Dadurch, dass sie nur uns und unsere Stimmen kennen lernen - in den Aufzucht-container dürfen nur wir beide hinein - erkennen sie uns aufgrund unserer Stimmen, unseres Aussehens und der Signalfarbe.
Wenn wir nicht im Ultraleichtflugzeug sitzen würden, würden sie dem nicht folgen.

Was zählt alles zu ihren Aufgaben?
Wir bekommen die Küken in einem Alter von 3 bis 8 Tagen. Von da an sind wir jeden Tag hier. Von ½ 7 in der Früh bis am Abend. Ganz am Anfang heißt das auch, die Küken acht bis neun Mal am Tag füttern, mittlerweile füttern wir sie fünf Mal am Tag. Zwischen den Fütterungen sind wir den ganzen Tag für sie da, kuscheln mit ihnen, um diese Prägung aufzubauen und die Bindung aufrecht zu erhalten. Wir schauen ständig drauf, dass es ihnen gut geht, sie glücklich und zufrieden sind.

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Kennen Sie alle 32 Küken auseinander?
Nicht ganz. Jetzt, wo sie noch verschieden alt sind und verschieden aussehen, können wir sie schon noch leichter unterschieden, den ältesten, den Rudini, und den Jüngsten, den Kazoo, können wir schon noch auseinanderhalten von den anderen. Aber je größer und damit einander ähnlicher werden, desto schwieriger wird’s. Aber wir haben einen Trick: jeder Waldrapp bekommt eine Farbring-Kombination, anhand derer können wir die Vögel dann immer unterscheiden.

Sie beide und die 32 Jungvögel den ganzen Tag in einem doch eher kleinen Container - ist das nicht ein bisschen eng und ein bisschen langweilig?
Nö, auf gar keinen Fall. Für mich ist das in diesem Jahr ja die erste Aufzucht, meine Kollegin zieht schon zum sechsten Mal Waldrapp-Küken groß. Das ist einfach superspannend, manchmal hat man das Gefühl, die Küken wachsen innerhalb eines Tages rasant und sind am Abend viel größer als sie noch am Morgen gewesen sind.
Sie wachsen jeden Tag, sie werden älter und jeden Tag aufmüpfiger, lernen die Welt kennen und werden aktiver und nehmen die Welt um sie herum immer mehr wahr und lernen einen selber besser kennen, wenn man in den Container reinkommt und sie fangen an, einen zu begrüßen, und sie wissen, wer man ist, dann ist das einfach eine ganz, ganz tolle Sache. Es ist noch kein einziges Mal langweilig geworden.

Für die Waldrappe auch? Ihre Welt ist ja doch nur dieser Container?
Wir versuchen es ihnen möglichst spannend zu machen. Im Rahmen des Behavioural Enrichments gehen wir eben raus und suchen zum Beispiel Baumrinde oder schneiden ein bisschen was von Gestrüpp ab und vom Gras und stecken das dann in die Nester rein, um die Waldrappe anzuregen, ein bisschen zu spielen und spielerisch aktiv zu werden oder dass wir auch Mehlwürmer zwischen die Boxen kleben und sie dann lernen, mit ihren Schnäbeln nach den Mehlwürmern zu tasten und zu suchen, weil sie dann später, wenn sie selbstständig fressen werden, mit ihrem langen Schnabel in der Wiese herumstochern werden und nach Maden, Würmern suchen. Um ihnen das schon ein bisschen anzutrainieren, stecken wir eben zwischen die Nester Boxen mit Mehlwürmern... Wir merken auch, dass sie daran viel Spaß und Freude haben. Oder dass sie Baumrinde entdecken, neugierig sind und anfangen zu spielen. Ich glaub, ihnen wird auch nicht langweilig, wir geben unser Bestes.