Ausschnitt aus dem Buchcover "Bus 57"

© Verlag Loewe

Kiku
07/17/2020

Sasha und Richard, zwei echte US-Jugendliche

Sier im Rock, er mit Feuerzeug. Harte Realität vielschichtig, sensibel von Journalistin und Autorin in "Bus 57" beschrieben.

von Heinz Wagner

Ein fast 400 seitiges Buch, das sich aber schnell, technisch leicht, aber an vielen Stellen emotional heftig liest, ist „Bus 57“ von der Journalistin und Schriftstellerin Dasha Slater. Ausgehend von einem Prozessbericht recherchierte sie die Ereignisse, die sich tatsächlich in einem Bus dieser Linie in Oakland (US-Bundesstaat Kalifornien) abgespielt haben.

Sasha, jugendlich, versteh sich als trans- bzw. a-gender und legt großen Wert, darauf geschlechtsneutral bezeichnet zu werden – im Englischen mit „they“ (sie, dritten Person Plural). Die Übersetzerin Ann Lecke hat in Absprache mit Autorin und Sasha dies mit dem Kunstwort sier (aus sie + er) ins Deutsch übertragen.

Sasha liebt es, Röcke zu tragen. Eines Abends bei der Busfahrt von der Schule nach Hause lässt sich Richard von seinen Kumpels, die über Sasha lästern, dazu anstacheln, mit einem Feuerzeug den Rock Sashas – sier ist eigeschlafen – anzuzünden. Mit schweren Verbrennungen überlebt Sasha. In sierer Schule – und darüber hinaus kommt es in der Stadt zu Solidariät, unter anderem einer Demo auf der Route von Bus 57.

Dashka Slater
Bus 57 - eine wahre Geschichte
Ins Deutsche übersetzt von Ann Lecker
Ca. 400 Seiten
ab 14 Jahren
Verlag Loewe
Gebundene Ausgabe: € 19,50
eBook (ePUB): € 9,99

Zu rund 40 Seiten Leseprobe geht es hier

Menschenbilder und Fakten

Genauso fundiert und einfühlsam wie Sasha, eine hochintelligente, sensible Persönlichkeit mit Vorliebe für schräge Kartenspiele, der Erfindung einer eigenen Kunstsprache, schildert Dasha Slater aber auch den Gegenspieler Richard. Ein eigentlich ebenfalls einfühlsamer afroamerikanischer Jugendlicher, dem seine Tat schnell aufrichtig Leid tut, der Entschuldigungsbriefe schreibt. Die aber sein Anwalt lange Zeit nicht weiterleitet.

Die Autorin setzt sich über weite Strecken auch mit der Frage auseinander, ob es sich bei Richards Tat um ein Hass-Verbrechen handelt. Richard, aus nicht einfachen Verhältnissen, war auf dem Weg sich davon raus zu lernen und arbeiten. Nun droht eine langjährige Haftstrafe – weil Schwarze in den USA noch immer oft für ein und dieselbe Straftat anders, härter, strenger verurteilt werden als Weiße.

Letzteres untermauert die Autorin mit Fakten und Statistiken – etwas das sie als seriöse Journalistin gewohnt ist. Ebenso wie sie zu Beginn des Buches als sie auf das Problem von Pronomen, die im Englischen (so wie auch im Deutschen) auf das Geschlecht abstellen (weiblich/männlich). Dort weist sie darauf hin, dass dies nicht in allen Sprachen so ist und zählt einige auf, in denen Fürwörter geschlechtsneutral sind wie etwa Finnisch, Ungarisch, Hindi, Indonesisch, Türkisch, Vietnamesisch oder Yoruba (eine der großen Sprachen in Nigeria, Afrika).

„Bus 57“ ist übrigens für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

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Hier geht es zum Zeitungsbeitrag ...

... von Dashka Slater im New York Times Magazine, wo sie am 29.Jänner 2015 erstmals über das Feuer im Bus 57 in Oakland (Kalifornien) berichtete bevor sie sich noch tiefer in die Recherche der Beteiligten vertiefte:

https://www.nytimes.com/2015/02/01/magazine/the-fire-on-the-57-bus-in-oakland.html