Raskolnikow-Darsteller Jakob Elsenwenger - noch kein Szenen-, sondern nur Key-Foto

© Rita Newman

Kiku
01/06/2019

Raskolnikows Zerrissenheit hat den 14-Jährigen angesprochen

„Schuld und Sühne“ ab 11. Jänner im Theater der Jugend (Wien): Interviews mit Hauptdarsteller und Regisseur/Direktor.

„Ein Übarrrmääännnnsch“ und dazu ein weit ausgestreckter Arm – in dieser Szene, in der Rasumichin von seinem Freund Rodion Romanowitsch Raskolnikow sich eine Widmung in dessen Schrift „Der überlegene Mensch“ wünscht, wird die Gefahr von dessen These wohl am augenfälligsten auf den Punkt gebracht.

Raskolnikow ist die Haupt- und Zentralfigur des Romans „Schuld und Sühne“ von Fjodor Michailowitsch Dostojewskij. Der Direktor des Theaters der Jugend in Wien, Thomas Birkmeir hat aus dem mehr als 600-seitigen Roman eine spielbare Bühnen-Version geschrieben, die die wesentlichen Handlungsstränge verdichtet.

Rund eine Woche vor der Premiere durfte der Kinder-KURIER eine Probe im Theater im Zentrum (dem kleineren TdJ-Haus) besuchen und anschließend den Regisseur sowie den jungen Hauptdarsteller, Jakob Elsenwenger, interviewen.

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Der Plot

Zuvor noch kurz gefasst die Story: Der junge Raskolnikow, Jus-Studienaabbrecher, meint, etwas Besseres zu sein. Das verschaffe ihm auch das Recht, sogar seiner Meinung nach weniger wertvolle Menschen töten zu dürfen. Das würde ihm – aufgrund dieser, seiner Haltung - dann auch nicht einmal Gewissensbisse bereiten. Gesagt, getan. Zuerst wertet er immer und immer wieder die alte Pfandleiherin Aljona Iwanowna sprachlich zur „Laus“ ab, tötet sie – und ihre Schwester, die zufällig auftaucht.

Obwohl Raskolnikow noch an seiner These festhält, überfallen ihn fieberhafte Albträume und schließlich doch Gewissensbisse... Womit Dostojewskij in seinem Roman (ursprünglich als Fortsetzungsgeschichte in einer Monatszeitschrift veröffentlicht) 1866 das Konzept des später von Friedrich Nietzsche verfochtenen „Herrenmenschen“ schon demaskierte. Und trotzdem fasziniert(e) die Figur des Raskolnikow. Trotz seiner Überheblichkeit ist er nicht nur der Bad Guy – dazu mehr auch im Interview.

„Schuld und Sühne“ – in späteren deutschen Fassungen analog zu andere Sprachen mit „Verbrechen und Strafe“ übersetzt – ist einerseits noch immer in der ursprünglichen Übersetzung viel bekannter.

„Ich finde, man kann den Roman nicht nur auf rechtliche Begriffe reduzieren, das hat eine größere Dimension, es geht einfach auch tatsächlich um Gewissen, zum Teil auch religiöse Momente, um moralische Fragen“, begründet Birkmeier im KiKu-Gespräch diese Entscheidung. „Der alte Titel geht tiefer. Es hat die größere Dimension, die natürlich tief im Roman drinnen liegt.“
Übrigens, auch im Russischen beinhalten Prestuplenije und Nakasanie wie die Neuübersetzerin (1994) Swetlana Geier meint, mehr als die rein juristischen Termini. (Sie hatte als Alternative angeboten „Übertretung und Zurechtweisung“, Anm. der Redaktion aus Wikipedia.)

In Birkmeirs Fassung verdichtet er Raskolnikows späte Erkenntnis afu die Sätze: „Die Pfandleiherin war ein Verbrechen, Lisaweta war eine Sünde. - Ich muss etwas lernen. Etwas lernen… Er fällt auf die Knie, dann: Ich bin ein Mörder. Dann laut: Ich bin ein Mörder!“

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Interviews: Schon mit 14 reingelesen

Schon mit 14 Jahren sei ihm Dostojewskijs Roman in die Hände gefallen, verrät der 26-jährige Hauptdarsteller dem Kinder-KURIER. „Am Dachboden ist mir das Buch entgegengeplumpst. Ich hab mir gedacht, na, das ist ein dicker Wälzer, hab reingelesen und angefangen, aber nicht so verstanden wie jetzt.“

Aber was war’s für dich mit 14, was dich an der Geschichte angesprochen hat - ihr spielt ja auch für diese Altersgruppe.
Ja, dieses Zerrissene, dieses Getrieben-sein, diese ständigen inneren Monologe mit sich selbst. Das hat mich damals schon beeindruckt, weil er so einen innerlichen Stress hat, die Fieberhaftigkeit, die hab ich wahnsinnig gut beschrieben gefunden.

Warst du selber in einer solchen zerrissenen Phase?
Ja, es war die Zeit, als ich mir in der Schule überlegt habe, aufzuhören und eine Lehre als Großhandelskaufmann anzufangen - diese Entscheidungszerrissenheit, wie soll‘s weitergehen.

Aber hier ist’s ja doch ganz anders heftig, einer der meint, besser zu sein als andere bis hin zum Recht, andere umzubringen.
Nicht besser, aber mich hat das Anderssein angezogen. Ich war auch anders, schon früh war Schauspieler mein Traumberuf. Und ich hab damals Lehrer gehabt, die haben gesagt, wenn du jetzt eine Lehre machst, dann endest du mit 60 im Wirtshaus und wirst garantiert kein Schauspieler. Denen, aber auch mir wollte ich das Gegenteil beweisen. Wenn ich dieses Gefühl, überlegen zu sein auf etwas ummünzen müsste, dann wär’s wahrscheinlich genau das.

Tomas Rabbering als Bernardo, Jakob Elsenwenger als Hamlet, Pascal Groß als Horatio

Immer schon Schauspieler

Ab wann hast du gewusst, dass du Schauspieler werden willst?
Gesagt hab ich’s das erste Mal, da war ich vier Jahren.

Aber da sagt ja jede und jeder 100 verschiedene Berufe.
Komischerweise war’s bei mir immer nur einer, das heißt, eigentlich hab ich zuerst gesagt, ich werde Geheimagent – das war die erste Aussage und dann hab ich gesagt, ich werde Schauspieler und von dem bin ich nie wieder abgekommen.

Woher kam das? Warst du oft im Theater?
Ich war von klein auf immer wieder mal mit meiner Mutter im Theater. Und hab aber lustigerweise sehr früh lesen gelernt, ich glaub ich war 3 und hab dann immer den Abspann bei den Filmen gelesen, weil ich immer wissen wollte, wer macht da mit. Ich glaub, die Faszination war immer, dieses Geschichten erzählen zu wollen, die weitergeben zu wollen und vor allen Dingen begreifen zu wollen, warum Menschen wie agieren. Und man kann natürlich im Theater alles sein.

Elsenwenger spielte dann sowohl in der Volksschule als auch im musischen Gymnasium immer auch nebenher in Amateurgruppen Theater. „Da war die Faszination - einmal Theaterluft geschnuppert und süchtig geworden.“ Während der Lehre spielte er dann nur an Wochenenden. In der Zeit des Zivildienstes in einem Flüchtlingsheim begann er mit der Schauspielausbildung.

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Zerrissenheit

Zurück zum Stück, diese Zerrissenheit vom Raskolnikow hat dich fasziniert, nach der Entscheidung zur Lehre warst du dann aber nicht mehr zerrissen.
Ja, ich hab das Buch dann auch schnell wieder vergessen, es sind nur jetzt als ich es wieder gelesen habe so Erinnerungsfetzen aufgetaucht, aber insgesamt war’s komplett wie neu für mich.

Aber diese Zerrissenheit, an die konntest du dich erinnern, da konntest du andocken?
Ja, genau.

Du hast ja gesagt, du hattest das Gefühl was Anderes zu sein, weil du dich für Schwächere eingesetzt hast, Raskolnikow aber hält sich ja für was Besseres, sogar mit dem Recht andere zu töten, die er für nicht gleichwertig hält.
Das ist was total Interessantes an der Figur. Es gilt immer wieder neu herauszufinden, was treibt ihn dazu. Von dieser seiner Ideologie muss man bei dieser Figur ausgehen. Das ist einfach die Reise dieser Figur, die wahnsinnig viel Spaß macht beim Spielen.

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Faszination des Bösen?

Ein Oa..., aber faszinierend in seiner Oa... keit?
Regisseur: Er ist ein schillernder Charakter, er ist kein kaltblütiger Mörder, er hat eine Idee – zum Schauspieler gewandt: „Drum hab i guat gfunden, dass du heut g‘sagt hast, Es war doch NUR eine Idee, gschrieben ist’s anders, aber es war gut.
Dieses Auseinandergerissen-Sein zwischen der bösen Tat und dem Gewissen, das ihm dann doch sagt, das ist nicht in Ordnung. Das lässt uns andocken.

Ist es der geniale „Schmäh“, dass er dann daran zerbricht, dass er zuerst glaubt, er ist was Besseres und hat kein Gewissen und nachher kommt er drauf, sch... es ist doch nicht so?
Es geht sich doch nicht ganz aus. Das macht ihn dann ja wieder sympathisch, eine gefährliche Sympathie.

War dies der Knackpunkt, warum du gesagt hast, dieses Stück zu machen?
Natürlich auch. A) hab ich was für den Jakob gesucht, weil ich gewusst hab, das kann er spielen, was nicht viele können. So wie er der jüngste Hamlet war ist er der jüngste Raskolnikow ever.

Wobei ja der Raskolnikov sogar erst Anfang seiner 20er ist.
Aber es traut sich ja kaum ein Theater so einen jungen Schauspieler zu besetzen. Es hat natürlich auch inhaltliche Gründe gehabt. Dieses Herrenmenschentum, es gibt Leute, die besser sind, plötzlich dürfen Sachen ausgesprochen werden, die längst überwunden schienen, die Gesellschaft driftet wieder zurück.

Verführerische Komponente

Einerseits das Thema Über-/Untermensch, er aber ist nicht dieser Bad Guy, wo man das Herrenmenschentum ablehnt, sondern über seine Figur ja auch ein bissl faszinierend...
... genau, völlig richtig, das ist grad das Interessante, weil weiß/schwarz zu zeigen ist viel zu einfach. Wir müssen uns ja auch fragen, warum so viele so fasziniert sind von rechtem Gedankengut. Nicht, dass ich das gutheißen würde, aber es muss ja eine verführerische Komponente haben, sonst tät’s ja nicht funktionieren. Dem haben wir eben versucht, auf die Spur zu kommen. Nicht in dem Sinn, dass wir’s gutheißen, aber der Moment der einen berechtigt zu sagen, ich bin was Besseres, ist doch sehr verführerisch. Wir sind was Besseres in Europa, da ist uns wurscht, ob Tausende von Menschen im Mittelmeer absaufen, Europa ist besser als Afrika ... Dieses kleingeistige Denken, das aber scheinbar den Selbstwert so hebt, dass dies zieht. Leider.

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