Elodie Arpa, hier im "SAG#S-MULTI!"-Finale

Elodie Arpa, hier im "SAG#S-MULTI!"-Finale

© Heinz Wagner

Kiku
05/04/2018

Peter, Freund von Anne Frank

Der Text von Elodie Arpa, aufbauend auf der Biographie von Peter van Els, der mit Anne Frank im Amsterdamer Hinterhaus versteckt war.

Es war einmal und ist noch immer ein 18-jÀhriger Bursche. Peter, sein Name. Er ist euch allen bekannt. Er lebt im Jetzt, geht gleich um die Ecke zur Schule und ist euer Nachbarsjunge, der
Sonntagmorgen immer den MĂŒll hinaustrĂ€gt. WĂ€hrend er pfeifend das Stiegenhaus hinuntergeht, schwelgt er meist so sehr in Gedanken, dass er den BiomĂŒll in den Plastikcontainer wirft. Oder umgekehrt.
Am Freitag fÀhrt er auf Schulausflug. Mit seiner gesamten Klasse. Und der Geschichtelehrerin. Ins Konzentrationslager Mauthausen, fÀhrt er. Es ist ein wolkenloser Tag, die Sonne brennt auf Peters hellbraunes Haar. Um die Beschriftungsschilder zu entziffern, muss Peter seine Augen zusammenkneifen.
HĂ€ftlingsbaracke, steht dort geschrieben. Russenlager, Duschraum, Krankenlager. Peter bekommt GĂ€nsehaut. Peter schwitzt in seinem langen Shirt. Und doch zittern seine Knie. So
leicht, dass niemand es bemerkt.
Die SchĂŒler holen sich etwas zu trinken, einige Snacks. Paul lehnt sich an die Mauer. Warm sind ihre Steine, von der Sonne. Lisa setzt sich neben ihn. Lisa. Puh, was fĂŒr ein langer Tag
heute, sagt sie. Und so heiß! Peter nickt, lĂ€chelt sie an. Sie lĂ€chelt zurĂŒck. Wie ihre Augen leuchten! Wenn er doch nur etwas weniger schĂŒchtern wĂ€re, wĂŒrde er ihr das sagen. Das
und alles andere. Von Lisas Eis tropfen rote, gelbe Farbpunkte auf den Asphalt. Auf den Asphalt, der frĂŒher kein Asphalt gewesen ist, sondern ein erdiger, bei Regen schlammiger Platz. Der Appellplatz.
Stundenlang hatten die Inhaftierten hier stramm stehen mĂŒssen, bei eisiger KĂ€lte, ausgehungert und barfuß. Und nun sitzt er hier. Gesund, gut genĂ€hrt, im Sonnenschein. Lisa
lehnt sich an seine Schulter. Total anstrengend, das Ganze bei dieser Hitze zu besichtigen, sagte sie. Sie schleckt an ihrem Eis. Peter sieht sie an. Doch diesmal lÀchelt er nicht.
Die FĂŒhrung geht weiter. Sie gehen zum Friedhof, in den Raum der Namen. Protokollierte Leichen. Neunzigtausend Todesopfer. Leben voller WĂŒnsche und TrĂ€ume, die hier ihr Ende
gefunden haben. Hinter jedem Namen, unzÀhlige Betroffene. Familie, Freunde, Bekannte.
Dunkel ist der Raum, die Toten sind es, die Peter zu leuchten. HebrĂ€ische, armenische, griechische Schriftzeichen. Franzosen, Italiener, Polen, Österreicher sind unter den Opfern.
Im zwanzig Kilogramm schweren Register findet Peter auch seinen eigenen Namen, dutzende Male. Erschossen, Arbeitsunfall, Krankheit, Fluchtversuch lauten Peters Todesursachen. Peter findet eine Lisa unter den Namen der Protokollierten. Einen Beistrich weiter liest er: Frei gewÀhlter Tod.

Die FĂŒhrung ist zu Ende. Die Klasse ist schweigsamer als sonst. Doch in Peters Kopf flĂŒstern und rufen und brĂŒllen Gedanken, laut. Lauter noch als sonst. Diesen Tag, er wird ihn nicht
vergessen. Das Eis essen an der warmen Mauer mit Lisa nicht. Die Gaskammer und die Todesstiege am Steinbruch auch nicht. Und dieses GefĂŒhl, dieses GefĂŒhl der Unvereinbarkeit
dieser zwei Ereignisse an diesem einem Ort schon gar nicht.
Auf der RĂŒckfahrt denkt Peter nach. Ein Ort. Vielleicht ist ein Ort wie ein Mensch, denkt er. Vielleicht ist jeder Ort Heim von Gutem und von Bösem, von schönen und von schrecklichen
Momenten. So wie ein jeder von uns und wir als Menschheit zu beidem in der Lage sind. Peter van Pels und Peter, euer Nachbarsjunge, hÀtten ein und dieselbe Person sein können.
Beide waren und sind schĂŒchtern aber vertrĂ€umt, still aber nachdenklich. Beide waren und sind verliebt. Nur dass wir Lisas Tagebuch nie lesen und Peter van Pels‘ Leben als Erwachsener nie kennenlernen werden. Denn dieser Zukunft wurde er beraubt.

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