Michael Patr4ick Kelly im Interview mit dem Kinder-KURIER, hier Jungjournalistin Najwa Hamdi

© Heinz Wagner

Kiku
10/27/2019

#PeaceBell: "Frieden ist möglich!"

Kinder-KURIER-Interview mit Michael Patrick Kelly über seine Aktion #Peacebell und mehr.

von Heinz Wagner

Najwa Hamdi, erfolgreiche Teilnehmerin des mehrsprachigen Redebewerbs „SAG’S MULTI!“ (mit Arabisch und Deutsch im vorjährigen Bundesfinale) interessiert sich für Journalismus und schnuppert in dieses Berufsfeld. Mit dem Kinder-KURIER interviewte sie rund um die Galanacht des Friedens im Wiener Rathaus den Erfinder der Aktion #PeaceBell.

Sie haben letztes Jahr die Initiative #PeaceBell gegründet. Hat diese Umkehr, aus Waffen Glocken zu gießen, etwas zu tun mit ihrer Familie, den Kellys. Es hat immer den Anschein gehabt, dass Frieden, also Peace in dieser Musikgruppe herrscht?
Michael Patrick Kelly: Ich komme aus einer Familie mit 12 Kindern und in den ersten Jahren lebten wir sehr bescheiden. Ich bin in einem Campingwagen zur Welt gekommen, habe in einem Doppeldeckerbus gelebt und später auf dem Hausboot und wenn so viele Leute auf engem Raum zusammenleben, das knallt.

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„Peacemaker“ in der Familie

Jeden Tag gab es Streit, gab es Stress. Ich glaube, dass vielleicht daher meine Sehnsucht nach Frieden und Harmonie gekommen ist.  Man hat mich in der Familie immer „The peacemaker“ genannt, weil ich immer, wenn sich zwei gestritten haben, versucht habe, dazwischen zu gehen: „Hey, macht mal langsam“ und so. Ich glaube, dass die Wurzel meines Friedensengagements tatsächlich in einer bunten, irisch temperamentvollen, chaotischen Familie begründet ist.

Aber erst 2003 habe ich mit dem Friedens-Aktivismus angefangen, das war kurz vor dem Irakkrieg. Da bin ich nach New York geflogen und wurde dort verhaftet bei einer Friedensdemo vor den Vereinten Nationen. Später hat ein Journalist aus dem Irak mir erzählt, dass in Bagdad vor einem Hotel in dem die ganzen Journalisten untergebracht waren, es einen Zaun gab an dem man so Plakate aufgehängt hat mit Messages die man den Journalisten sagen wollte. Da haben sie so ein Foto, ein großes Plakat aufgehängt von dem Foto meiner Verhaftung und dann haben sie geschrieben: „Wenn ihr so mit euren Promis umgeht, dann wollen wir eure Art von Demokratie nicht haben!“

Ich fand‘s so cool, dass das was ich als US-amerikanischer Staatsbürger in New York gemacht habe, bei den Irakern solche Resonanz gefunden hat und dass die das genützt haben, um den US-amerikanischen Medien zu sagen: „Was ihr grad vorhabt, wollen wir nicht!“ Das hat mir ein bisschen Hoffnung gebracht, weil manchmal engagiert man sich und denkt sich, was bringt das. Also wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber je mehr Tropfen auf den heißen Stein fallen, desto schneller kann er auch abkühlen. Also ist jeder Tropfen es wert.

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Innerer Frieden

Ist ihr Eintreten für Frieden entstanden als eine Zeit lange als Mönch in einem Kloster waren und sich von der Öffentlichkeit nach der ganzen Kelly-Family-Sache zurückgezogen haben?
Im Kloster ist mein persönlicher innerer Frieden gekommen, weil ich glaube es gibt einen persönlichen Frieden und es gibt den gesellschaftlichen oder politischen Frieden und diese sechs Jahre im Kloster haben mir geholfen, bei mir selber aufzuräumen. Also, ich hatte zu viele Viren und zu viele Bugs und ich musste den Computer einfach mal ausschalten und auf Restart setzen. Diesen Reset konnte ich im Kloster machen. Ich konnte über meine Vergangenheit nachdenken, ich konnte über mich selbst nachdenken, über das was ich wollte, ich konnte beten, ich konnte studieren, ich konnte Stille haben und das hat mir geholfen, meinen inneren Frieden zu finden - das ist wie Glück. Wenn man glücklich ist, will man das teilen. Wenn du einen tollen Film siehst, sagst du zu deiner Freundin: „Hi, den musst du dir unbedingt anschauen“, oder wenn du in einer Pizzeria bist: „Ja nimm unbedingt Pizza Fungi, weil die schmeckt hier besonders gut“.

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Glück teilen

Wir teilen ja Glück nicht nur auf Facebook oder Instagram, sondern auch so, und wenn man Glück erfährt, dann will man das teilen. Als Musiker habe ich den Vorteil, dass man einen Job hat, wo man Menschen verbindet und in der Politik, im Sport in der Religion überall spalten sich die Leute. Aber in Musik kann man diese Leute die sich spalten, connecten, zusammenbringen.

Aber es gibt auch Musik die trennt, quasi die Marsch-Musik.
Absolut, aber ich in meiner Funktion, ich sehe mich nicht dazu berufen eine klare politische Position zu beziehen. Es ist gut, dass es diese Künstler gibt die sagen, wir sind hier oder wir sind dort. Das ist okay, die haben halt Einfluss auf andere. Ich sehe meine Funktion eher darin, es Menschen die vielleicht Feinde sind, zweieinhalb Stunden zu ermöglichen auch Freunde zu sein. Man schließt Frieden mit dem Feind nicht mit dem Freund. Das ist nicht einfach, aber mit Musik können Menschen die sich eigentlich bekriegen wollen, kurz die Schnauze halten.

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„Kein Heiliger“

Du hast gesagt, dass du schon als Kind in der Familie versucht hast, Frieden zu stiften. Warst du der Einzige oder warst du bei diesen vielen Kindern nicht manchmal auch der Streithansl?
Natürlich, Natürlich. Verstehe mich nicht falsch, ich bin kein Heiliger, also ich hab auch viel Scheiße gebaut als Kind und als Jugendlicher. Man hat mich irgendwann aber zum musikalischen Chef der Band ernannt, weil ich als fair galt. Bei so vielen verschieden Interessen ist es nicht einfach, dass alle happy sind.

Ich glaube, ich hatte einfach Sehnsucht danach, dass wir uns verstehen und nicht immer streiten. Da ist glaube ich die Wurzel von meiner Sehnsucht nach Frieden in der Welt, in der Familie, bei mir selbst entstanden.

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Über Grenzen hinweg

Wie ist heute dein Verhältnis zum Rest der Familie?
Das ist bei uns ein bisschen wie bei Asterix und Obelix. Mal wird gestritten, mal wird zusammen gefeiert.

Sie sagen auch, Sie wollen, dass durch die Glocke Menschen mit anderen Religionen oder politischem Hintergrund zusammenhalten sollen. Was bedeutet das für Sie?
Ich habe aktuell ein bisschen Sorge über die Stimmung in der Welt. Da sind sehr viele Bewegungen die mir ein bisschen Sorgen machen für unsere Zukunft. In der Umwelt gibt es sehr viel Chaos, in der Politik gibt es sehr viel Zündstoff für potenzielle Kriege und mein Wunsch ist, dass wir als Menschen einfach friedlich miteinander koexistieren. Wir müssen nicht an den gleichen Gott glauben oder überhaupt glauben oder Mann, Frau sein oder schwarz, weiß...

Also, wir sind alle Menschen, darum geht es auch in dem Song ID: Who am I, Who are you, Who are we, all human Beings. Wir sind alle Menschen. Meine Hoffnung ist, dass wir nicht mehr und mehr auseinander und gegeneinander, sondern mehr und mehr miteinander zusammen diese Gesellschaft gestalten. Es gibt in Israel ein Friedensdorf - „Neve Shalom/Wahat al Salam“. Da leben Palästinenser und Israelis zusammen, die gehen auch zusammen zur Schule und das ist nicht einfach, weil das ist wie der Feind mit dem man zur Schule geht. Aber dann spielen sie Fußball, werden Freunde oder sie haben WhatsApp-Gruppen und merken so, „Hi, der ist eigentlich wie ich. O.k., denkt vielleicht etwas anders als ich und das und das, aber eigentlich mag er die gleichen Bands oder er hat die gleichen Hobbys…“

Und das ist für mich so wichtig, dass wir einfach unsere Menschlichkeit teilen und Unterschiede auch respektieren. Ich möchte niemandem sagen, wie er zu leben hat. Es ist möglich. Es gibt diese Friedensdorf und das unterstützte ich mit den kleinen PeaceBells,  also ich verdiene keinen Cent an diesem Projekt.

Wo ist dieses Dorf?
Das ist zwischen Jerusalem und Tel Aviv, es wurde mehrmals für den Friedens-Nobelpreis nominiert und ich kenn die Leute die da arbeite. Das ist für mich ein Beweis, Peace is possible, es ist möglich. Wenn Feinde es aushalten und zusammen zur Schule gehen und Dialoge führen und zusammen leben. Das ist ein Dorf, ein unglaubliches Zeichen für die Opposition gegen jene die sagen, es geht nicht.

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Krise und Hoffnung

Für viele Menschen bilden Sie eine Vorbild-Funktion und es hat ja was mit dem Zusammenhalten zu tun. Sie haben mit dem Song „Hope“ ihre Geschichte erzählt. Wie sind Sie damit umgegangen, wie sind Sie wieder aufgestanden und sind Ihren Weg weitergegangen? Was könnten Jugendliche da machen, um nicht aufzugeben?
Ich hatte als ich Anfang 20 war, eine ziemlich schwere Krise und hab dann eine Psychotherapie gemacht, eineinhalb Jahre, ein bis zwei Mal die Woche bin ich zum Therapeuten gegangen und der hat gesagt: Du bist jetzt nicht psychisch krank, du hast auch keine Psychosen, aber bei dir ist einfach viel los und wir müssen ein bisschen viel sortieren, ein bisschen ordnen. Also ich glaub, man braucht Hilfe, man braucht Menschen - es kann in der Familie sein, es kann ein guter Freund sein oder ein Therapeut die einem helfen, Klarheit/Ordnung zu kriegen, wenn man verwirrt ist.

Das andere was ich gemacht hab, ich habe mich für Religion interessiert, ich hab auch im Koran gelesen, eine englische Übersetzung also nicht auf Arabisch und ich hab mich mit Konfuzius und LaoTse also den asiatischen Philosophien ein bisschen beschäftigt. Dann habe ich die Bibel gelesen und fühlte mich im neuem Testament sehr angesprochen. Ich hab gesagt: „Wer ist dieser Mensch, der heißt Jesus und er sagt, „ich bin das Licht der Welt“. Also ist der verrückt oder ist er wirklich das Licht der Welt?

Das hat mich einfach interessiert und dann habe ich da gelesen und bin in Klöster gegangen, hab Pilgerfahrten gemacht und der Glaube ist dann so Stück für Stück gewachsen. Ich bin nicht von klein auf in einer Familie groß geworden wo man gebetet oder Bibel gelesen hat.  Aber ich hab das Stück für Stück für mich entdeckt. Die Therapie und der Glaube haben mich gerettet.

Es ist nicht so, dass jeder einen Therapeuten braucht. Vielleicht braucht man manchmal einfach nur einen guten Freund oder eine gute Freundin oder einen Onkel oder einen Lehrer/eine Lehrerin, die ein bisschen Support geben. Aber ich würde sagen, wenn jemand einfach durch eine schwere Zeit geht: „Hold on, halt‘s aus. Das Licht kommt noch.“

Manchmal bist du in einem Tunnel und siehst kein Licht, kannst es nicht aushalten und willst den Stecker ziehen. Man muss durchhalten und Hilfe suchen. Irgendwann kommt der Durchbruch. Durch das Durchhalten kommt der Durchbruch.

Schülerin Hamdi Najwa vom Schulschiff im KiKu-Interview mit Michael Patrick Kelly ...

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