Ein Spiel über Armut der Salzburger Kinder- und Jugendanwaltschaft

© KiJa Salzburg

Kiku
11/22/2019

Leiter oder Pech-Schlange: Brettspiel über Armut

Salzburger Kinder- und Jugendanwaltschaft entwickelte zum Kinderrechte-Geburtstag ein Brettspiel zum Thema Kinderarmut.

von Heinz Wagner

„Arm zu werden ist nicht schwer, arm zu sein dagegen sehr“. Diese traurige Wahrheit steht auf der Rückseite eines Papierbogens mit einem Brettspiel namens „Achtung, Pechschlange“. Die Kinder- und Jugendanwaltschaft (KiJa) von Salzburg hat diese erstellen lassen und dort kann es auch – kostenlos – bezogen werden. Es umfasst das Spielfeld und einige der Artikel der internationalen Kinderrechtskonvention, die nun am 20. November 30 Jahr jung/alt wurde. Dazu gehören auch die Artikel 26 und 27: Du hast das Recht auf soziale Sicherheit. Du hast das Recht, ohne Not aufzuwachsen, damit du dich gut entwickeln kannst. Außerdem Recht auf gute Schulbildung (28) sowie Freizeit und Spiel (31). Und schon im Artikel 2 steht, dass ALLE Kinder dieselben Rechte haben.

Spielfiguren und Würfel musst du dir – vielleicht aus einem Spiel das du zu Hause hast oder anderswoher ausborgen. 100 kleine Spielfelder liegen zwischen Start und Ziel. Auf elf Feldern findest du Leitern für ein schnelleres Vorwärtskommen. Das reicht von einer Lehrerin, die dir hilft bis zu allerbesten Freund_innen, die dich unterstützen.

Allerdings hat der Spielplan auch zehn Felder mit Pechschlangen. Ein solches Feld heißt Rückschläge, einige Felder zurück. Die Pleite gegangene Firma durch die ein Elternteil arbeitslos wurde kann so ein Pech sein. Oder ein Unfall, Krankheit oder auch eine dringende teure Reparatur. Oder wenn deine Eltern in der Heimat gut bezahlte Jobs hatten, ihr aber flüchten musstet und hier nicht diesen Job ausüben darf.

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Konvention und Realität

Alle Kinder haben das Recht auf bestmögliche Förderung, auf angemessenen Lebensstandard, Leistungen der sozialen Sicherheit, sowie das Recht auf altersgemäße Erholung und die Teilnahme am kulturellen Leben. Kein Kind darf diskriminiert werden. All diese Grundsätze der Kinderrechtskonvention sind selbst in Österreich – für viele Kinder und Jugendliche ein weit entfernter Wunschtraum.

Junge Menschen sind europaweit die am stärksten von Armut betroffene Bevölkerungsgruppe auch in Österreich und Salzburg: Gelten im Bundesland 17 Prozent der Gesamtbevölkerung als armutsgefährdet, sind es in der Gruppe der Null- bis 18-Jährigen sogar 25 Prozent. Noch stärker betroffen sind Kinder aus kinderreichen Familien oder Alleinerzieher_innen-Haushalten mit 28 und 44 Prozent.

Trotz dieser hohen Zahlen wird Armut in unserer Gesellschaft tabuisiert. Anstatt die Armut an der Wurzel zu packen und zu überwinden, wird die Verantwortung im politischen Diskurs auf die Betroffenen abgewälzt und dies jeweilige Person als „selber schuld“ dargestellt.

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Wer ist schuld an der Armut?

Auch in Videos, im Internet und in Reality-TV-Formaten wird diese Sichtweise reproduziert, wie kija-Mitarbeiterin Barbara Erblehner-Swann kritisch anmerkt: „In den sozial-voyeuristisch abgebildeten armen Familien fehlt es den Eltern an erzieherischen Kompetenzen. Sie seien arbeitsscheu und vulgär, verhielten sich dumm und kurzsichtig, vernachlässigten ihre Kinder und trügen nichts zu einer anständigen Bildung der selbigen bei, so das vermittelte Bild. Dieses Narrativ ist für die Zuseher_innen deshalb so ansprechend, weil sie einerseits den Eindruck gewinnen, dass ihnen Armut NIE passieren könnte, und sie sich andererseits so ohne schlechtem Gewissen der gesellschaftlichen Verantwortung entziehen können.“

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Spiel soll Blickpunkt verändern

Kinder aus armen Familien spüren diese Schuldzuweisungen. Sie versuchen, die Armut zu verdecken und reagieren mit Scham. Um den Blick auf die Armut zu verändern, hat die Kinder- und Jugendanwaltschaft (kija) Salzburg dieses Spiel für Kinder ab sechs Jahren entwickelt. Das Spiel zeigt anhand ganz einfacher Beispiele auf, aus welchen Gründen man in die Armutsfalle gelangen kann.

Beim Spielen erfahren Kinder, dass Armut jede/n treffen kann und sich niemand dafür schämen muss. Und sie lernen, dass es in einer solidarischen Gesellschaft Haltung braucht und es Hebel gibt, um die Armut gemeinsam zu bekämpfen. So können sie die Scham ablegen und Handlungskompetenz zurückgewinnen.

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Einige wichtige kinderrechtliche Forderungen

* Anstatt der Reduzierung (nur noch 43,15 Euro ab dem dritten Kind) eine Anhebung der Richtsätze für Kinder auf Grundlage einer aktuellen Kinderkostenanalyse, die den tatsächlichen Bedarf, etwa bei den gestiegenen Wohnkosten, abbildet.
* Vereinfachte und beschleunigte Unterhalts- und Unterhaltsvorschussverfahren
* Die Möglichkeit auch nach dem 18. Geburtstag eine Ausbildung beginnen zu können, ohne deshalb die Sozialunterstützung zu verlieren.
*Mehr leistbarer Wohnraum für junge Menschen (Stichwort Startwohnungen)
* Kostenlose öffentliche Verkehrsmittel, kostenlose öffentliche Bibliotheken sowie freier Eintritt in Museen für Kinder und Jugendliche.

Ziel muss die Verwirklichung der Chancengerechtigkeit für jedes Kind, unabhängig vom Status seiner Familie, sein. „Kein Kind darf benachteiligt werden und das Kindeswohl muss immer vorrangig beachtet werden“, so ist es seit 30 Jahren in Artikel 2 und 3 der UN-Kinderrechtskonvention festgeschrieben.

„Es ist höchste Zeit dafür, dass Kinderarmut ein Wort aus der Vergangenheit wird!“, heißt es abschließend in der Aussendung der Salzburger KiJa zum Geburtstag der Kinderrechtskonvention.

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