Olga Flor im schauTV - und KiKu-Gespräch

© schauTV/Wolfgang Semlitsch

Kiku
02/05/2020

Lady Macbeth in die Neuzeit übertragen

Olga Flor, Autorin des Romans „Die Königin ist tot“, im Gespräch mit KiKu und schauTV.

von Heinz Wagner

Auf ihr T-Shirt hat sie in großen Buchstaben ein Zitat aus William Shakespeares „Macbeth“ geschrieben – vorne beginnend und am Rücken endend. Auch sonst bühnenreif gekleidet, beobachtete Olga Flor Proben für das Stück „Die Königin ist tot“. Das hat Mitte März Premiere in den Wr. Neustädter Kasematten. Es basiert auf ihrem gleichnamigen Roman, einer modernen Lady Macbeth-Version. Praktisch sämtliche Passagen der Bühnenfassung entstammen meist wortwörtlich ihrem ca. 150-Seiten-Roman (2012).
Dem Kinder-KURIER und schauTV erzählt sie, wie sie auf den Stoff und ihre Version gekommen ist.

Olga Flor: Seit früher Jugend hab ich gern Shakespeare gelesen, mir hat die Sprache sehr gut gefallen. Lady Macbeth hab ich deswegen so interessant gefunden, weil sie eine sehr starke Frauenfigur ist mit einer fast schon modernen Beziehung zu ihrem Mann. Die agieren wirklich gemeinsam als Paar, das sich miteinander berät. Bei Shakespare gibt es ja wenige glückliche Paare, die verheiratet werden. Entweder sind sie tot oder sie warten noch auf die Paarwerdung.

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Der Spruch

Man hat den Eindruck, nachdem sie ihre dramaturgische Aufgabe erfüllt hat, verschwindet sie zumindest aus dem tradierten Text. Das hat mich immer ein wenig beunruhigt. Ich hab mich immer gefragt, was passiert mit dieser Figur. Sie ist am Anfang sehr stark in das Geschehen involviert, in die Planung des Verbrechens, des Mordes an Duncan. Dann hört man nur noch, dass sie im Wahn durch die Gänge geht und letztlich nur noch: „The Queen is dead, My Lord.“ Und dann folgt der berühmte Monolog von dem hier auf meinen T-Shirt ein Teil drauf steht. Das hat mich sehr bewegt und nicht losgelassen.

Wie kam es zur modernen Version und der Ansiedlung in einem Wolkenkratzer?
Ich bin eines Tages in Chicago in diesem Turm gestanden, dem Lake Point Tower. Der ist damals noch als einziges Wohnhaus jenseits der Uferstraße in den See richtig hineingeragt. 2010 wurden Baugenehmigungen in der Nähe erteilt. Das hat mich an den Wald bei Macbeth erinnert, der plötzlich aufrückt. Es sind halt hier Hochhäuser, die gepflanzt werden. Das knüpft an an den Fluch der drei Hexen, dass sich Macbeth in Sicherheit wiegen lässt, weil er sich nicht fürchten muss, solange der Wald von Birnham nicht aufrückt zu seiner Burg.

 

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Das Gebäude: Uralt - neu - uralt

Wie aber ist nun die Übersiedlung wieder in alte Gemäuer?
Die Kasematten sind super, es ist ein Ort ähnlichen Charakters wie der letzter Rückzugsort, der Turm, in der Burg.
Also die Wohnung Duncans im 68. Stockwerk, die nach der Scheidung der Frau bleibt, die fast namenlos als eben moderne Lady Macbeth, hier residiert?
Es war auch damals in Chicago ganz oben eine großzügige Wohnung über das ganze Stockwerk. In diesem Hochhaus lebte auch die bekannte Talkmasterin Oprah Winfrey. Und das passt wieder dazu, dass ich den Roman ja im Medientycoon-Milieu angesiedelt habe – sozusagen der moderne König.

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Politische Propaganda

Macbeth ist ein hochmittelalterlicher Stoff aus dem 11. Jahrhundert, der im 16./17. Jahrhundert umgeformt wurde. Die Angelsachsen werden von den Schotten zu Hilfe geholt gegen ihren tyrannischen neuen Herrscher. Aber auch das war eine Art politischer Propaganda.

Mir ging’s im Roman auch darum, wie Politik über die Auswahl von Informationen gemacht wurde und wird – um die Erzählung, die man draus machte und macht. Heute sind wir halt so weit, dass oft nicht mehr unterschieden wird zwischen Informationen, die auf Tatsachen beruhen und solchen, die das nicht tun.

Was im vorvorigen und vorigen Jahrhundert an unabhängigen Medien erkämpft wurde, wird jetzt oft freigiebig auf den Misthaufen geworfen.

Wie kamen Sie auf die Idee, den Duncan, das Mordopfer, zum ersten Ehemann der neuen Lady Macbeth zu machen.
Die historische Figur war tatsächlich die Frau des früheren Herrschers.

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Deutungshoheit durch Leaks

Sie haben erwähnt, dass Sie ihre Geschichte von Anfang an auf einer Bühne gesehen haben, wieso haben Sie dann einen Roman und kein Stück geschrieben?
Es ist die Erzählung einer Frau, die versucht, die Deutungshoheit über ihr eigenes Leben wieder zu gewinnen, indem sie ihre Erklärungsmuster festhält und diese bevor sie stirbt leakt und so ihren Mann ans Messer liefert. Aus dem geleakten Dokument wird die Waffe. Deswegen musste es in Papierform sein.

In der Bühnenversion wird die Hauptfigur auf drei Frauen aufgespalten. Gefällt Ihnen das?
Es ist nicht meine Entscheidung, aber sie ist sehr gut. Natürlich ist es damit auch ein Spiel mit den drei Hexen, dann wäre ich die Hekate, die Göttin der Hexerei bzw. Magie.

Der Roman ist der Erzählstrom einer Figur. Die diskutiert ja mit sich selbst. Es sind verschiedene Aspekte auch in ihren eigenen Denkmustern, die gegeneinander stehen. Und das geht auf der Bühne wunderbar auf.

Der Turm in einer Burg ist ihr letzter Rückzugsort – auch im modernen Gebäude mit viel Glas.

Jetzt kommt’s als Stück zurück in die Kasematten, also ein ganz altes Gebäude?
Das ist durchaus interessant, wobei das Bühnenbild ja wieder sehr modern ist und eher auf eine dystopische Landschaft anspielt.

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